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Geschichte 16: Der aufgelöste Bulgare in Plauen

Plauen im Vogtland, August 1979. Die Hitze stand wie eine unsichtbare Mauer zwischen den Werkstattgebäuden. Der Asphalt auf dem Hof glänzte klebrig, und in der Luft hing dieser typische Geruch von erhitztem Getriebeöl, verschlissenen Bremsbelägen und schwerem Dieselqualm. Rolf Wagner, ein Mann, dessen Hände die Geschichte unzähliger Motoren erzählten, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war ein Urgestein, ein Techniker, den so schnell nichts aus der Fassung brachte.

Doch dann bog ein Barkas B1000 um die Ecke, der einen völlig verbeulten Lada im Schlepptau hatte. Kaum war das Gespann zum Stehen gekommen, sprang die Fahrertür des Ladas auf.

Heraus stürmte ein Mann, der so gar nicht ins beschauliche Plauen passte. Er gestikulierte wild mit den Armen, seine Augen blitzten, und er redete in einem Tempo auf Rolf ein, das jeden Maschinengewehr-Rhythmus in den Schatten stellte. Es klang wie Russisch, aber irgendwie… weicher, melodischer, aber gleichzeitig viel verzweifelter.

„Gospodin! Katastrofa! Mashina kaputt! Rostock! Rostock!“

Rolf hob die Hände. „Ruhig Blut, Freund. Langsam.“ Er kramte sein Schulrussisch hervor, das er seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. „Sto slutschilos? Was ist passiert?“

Das südländische Drama im Vogtland

Es stellte sich heraus, dass der Mann Stojan hieß und Bulgare war. Er war auf dem Weg von den Ferien im Süden hoch nach Rostock, wo seine Frau bei Verwandten wartete. In der Hitze des Sommers hatte er wohl eine Bordsteinkante oder ein Schlagloch übersehen – Ergebnis: zwei platte Reifen, die Felgen verbogen, die Moral am Boden.

Stojan war aufgelöst wie ein Italiener, dem man mitten auf der Piazza das Auto gestohlen hatte. Er rannte um den Lada herum, rief „Zhena! Zhena!“ (Frau!) und deutete ständig auf seine Uhr. Er war nervig, er war laut, und er drängelte, als hing das Überleben der gesamten bulgarischen Flotte von diesen zwei Reifen ab.

Rolf seufzte. „Hör zu, Stojan. Das dauert. Ich muss erst sehen, ob ich passende Felgen finde oder ob ich die alten richten kann. Du musst warten.“

Doch Stojan verstand nur „Warten“ und fing wieder an zu lamentieren. Er war wie ein aufgedrehter Kreisel. Rolf merkte: Mit Worten kam er hier nicht weiter. Dieser Mann brauchte keine technische Erklärung, er brauchte eine psychologische Vollbremsung.

Die kulinarische Beruhigungspille

„Komm mal mit“, sagte Rolf bestimmt und nahm Stojan am Ärmel der verschwitzten Jacke. Er führte ihn hinter das Werkstattgebäude. Dort, im Schatten einer alten Kastanie, hatte Rolf sich einen kleinen Freisitz gezimmert – ein Tisch, zwei Bänke, ein Ort der Ruhe.

„Sitz!“, befahl Rolf freundlich.

Er verschwand in der kleinen Werkstattküche. Er wusste, dass Stojan seit Stunden nichts gegessen hatte und die Nervosität auch vom Hunger kam. In seinem Kühlschrank lag sein eigenes Abendbrot. Rolf zögerte keine Sekunde. Er schnitt das dunkle, kräftige Brot auf, das er heute Morgen beim Bäcker in der Neundorfer Straße geholt hatte. Er legte das Makrelenfilet darauf, drapierte das hartgekochte Ei, den Handkäse und die Gurke. Ein ordentlicher Klecks scharfer Senf durfte nicht fehlen.

Er trat wieder hinaus und stellte Stojan das Brettchen vor die Nase.

„Hier. Stille Sibylle. Essen! Dann reden. Rostock läuft nicht weg.“

Das Wunder der Makrele

Stojan starrte das Brettchen an. Er sah den Fisch, das Ei, den Senf. Die Fremdartigkeit des Gerichts schien ihn für einen Moment völlig zu lähmen. Er nahm ein Stück des Brotes, biss hinein – und plötzlich wurde es still. Die harte Kruste des Plauener Brotes erforderte seine ganze Konzentration. Die Schärfe des Senfs trieb ihm kurz die Röte ins Gesicht, und das fettige, rauchige Makrelenfilet schien seine strapazierten Nerven regelrecht zu schmieren.

Rolf beobachtete ihn von der Seite. Er sah, wie die Schultern des Bulgaren langsam sanken. Das wilde Gestikulieren hörte auf. Stojan kaute langsam, fast ehrfürchtig. Die „Stille Sibylle“ machte ihrem Namen alle Ehre: Sie brachte das Schweigen zurück.

Als Stojan fertig war, wischte er sich mit einem Taschentuch über den Mund, sah Rolf an und sagte auf Russisch: „Otschin charascho. Sehr gut. Spasibo, Drug.“ (Danke, Freund.)

Er war wie ausgewechselt. Der nervöse Wirbelwind war einem dankbaren Reisenden gewichen.

„Siehst du“, sagte Rolf und klopfte ihm auf die Schulter. „Jetzt geh ich an die Reifen. Du bleibst hier im Schatten sitzen und trinkst noch ’ne Fassbrause.“

Das Fazit am Feierabend

Zwei Stunden später rollte der Lada wieder. Rolf hatte die Felgen gerichtet, neue Schläuche eingezogen und den Reifendruck exakt nach Vorschrift eingestellt. Stojan umarmte Rolf fast, bevor er einstieg. Er wollte ihm alles Mögliche schenken – bulgarischen Wein, Zigaretten –, aber Rolf winkte ab.

„Fahr nach Rostock zu deiner Frau, Stojan. Und pass auf die Bordsteine auf.“

Als der Lada vom Hof knatterte, stand Rolf noch einen Moment in der Abendhitze. Er wusste, dass Stojan dieses Gericht nie vergessen würde. In Bulgarien gab es sicher tolles Essen, aber diese Kombination aus sächsischem Brot, Ostsee-Fisch und scharfem Senf auf einer Bank in Plauen – das war die wahre Völkerverständigung.

Rolf ging zurück in die Küche, reinigte das Brettchen und dachte: „Vielleicht sollte ich das Ministerium wirklich mal anschreiben. Die Stille Sibylle ist kein Snack. Sie ist ein Beruhigungsmittel mit 100 Prozent Erfolgsquote.“

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