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Das „Karussell der Ahnungslosen“: Wer hier wen verarscht (und warum wir es lieben)

Es gibt diesen wunderbar zynischen Satz: „Im Kapitalismus lebt einer von der Dummheit des anderen.“ Klingt hart? Vielleicht. Aber schauen wir uns die aktuelle Nahrungskette der Dienstleistungsgesellschaft an, stellen wir fest: Es ist kein Raubtiergehege, sondern eher eine perfekt choreografierte Polonaise der gegenseitigen Überrumpelung.

Hier ist die Anatomie eines ganz normalen wirtschaftlichen Ökosystems:

Stufe 1: Der Berater verarscht den Gastronomen

Es beginnt ganz oben in der Hierarchie der heißen Luft. Der Business-Mentor (Markenzeichen: Rolli, teure Brille, keine Ahnung von Hygienevorschriften) erklärt dem Gastronomen, dass sein Restaurant deshalb nicht läuft, weil sein „spirituelles Mindset“ noch auf „Imbissbude“ kalibriert ist.

Er verkauft ihm für 8.000 Euro ein „Transformations-Paket“, das im Wesentlichen daraus besteht, die Speisekarte in eine serifenlose Schriftart zu ändern und die Kellner anzuweisen, die Gäste als „Gefährten auf einer kulinarischen Reise“ zu bezeichnen. Der Gastronom zahlt glücklich, weil er nun das Gefühl hat, kein Wirt mehr zu sein, sondern ein „Curator of Taste“. Dass er immer noch die gleichen TK-Schnitzel kauft, merkt er vor lauter „Vision-Boards“ gar nicht.

Stufe 2: Der Gastronom verarscht den Gast

Jetzt wird es operativ. Der Gastronom muss die 8.000 Euro für den Berater ja irgendwoher zurückholen. Also wendet er die gelernten Tricks an.

Aus dem „Beilagensalat“ wird eine „Dekonstruktion vom Feldweg“. Der billige Fusel im Regal wird zum „Whiskey-Tasting-Event“ (wir erinnern uns: Note von nassem Hund und Industriefett). Der Kunde sitzt vor einem Teller, auf dem drei Erbsen und ein Streifen Seidentofu liegen, zahlt dafür den Preis eines Kleinwagens und fühlt sich unglaublich exklusiv. Er lässt sich verarschen und bedankt sich beim Rausgehen sogar noch für das „einzigartige Erlebnis“. Warum? Weil er sonst zugeben müsste, dass er für drei Erbsen 45 Euro ausgegeben hat.

Stufe 3: Der Gast verarscht seinen Chef (oder seine Kunden)

Der Kreislauf schließt sich. Der Gast – oft selbst ein Experte für irgendetwas Undefinierbares – geht am nächsten Morgen ins Büro. Er muss das Geld für den dekonstruierten Salat ja wieder reinholen.

Also verkauft er seinerseits seinem Chef eine „agile Strategie-Optimierung“ oder seinen Kunden ein „Looping-Gummiband-Abo“. Er nutzt exakt dieselben hohlen Phrasen, die er gestern Abend beim Essen aufgeschnappt hat. Er verarscht seine Umwelt mit einer Souveränität, die er sich teuer erkauft hat.


Die goldene Regel: Die Kette darf nicht reißen

Das System funktioniert nur, solange niemand plötzlich stehen bleibt und ruft: „Moment mal, das ist doch alles Quatsch!“

  • Wenn der Gastronom merkt, dass der Berater nur Google-Zitate vorliest…
  • Wenn der Gast merkt, dass der Wein nach Kork und Verzweiflung schmeckt…
  • Wenn der Chef merkt, dass das „Looping“ nur den Blutfluss im Finger stoppt…

…dann bricht das Kartenhaus zusammen. Aber keine Sorge: Der Kapitalismus hat einen eingebauten Schutzmechanismus namens „Status-Angst“. Niemand will der Erste sein, der zugibt, dass er auf den „vogonischen Schleim“ reingefallen ist.

Das Fazit (das eigentlich keins ist)

Wir leben in einer wunderbaren Symbiose. Der Berater braucht den naiven Wirt, der Wirt braucht den hippen Gast, und der Gast braucht den ahnungslosen Kunden. Es ist ein perpetuum mobile der gepflegten Irreführung.

Am Ende des Tages haben alle weniger Geld, aber dafür sehr viel „Content“ für ihre Instagram-Storys. Und ist es nicht das, worum es im Leben eigentlich geht? Dass man beim Verarschtwerden wenigstens eine gute Figur macht?

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