Es sollte das Highlight des Sommers in der Beschaulichkeit von Ober-Nieder-Schöna werden: Der örtliche Dorf- und Heimatverein lud zum „1. Großen Beine-Vertreten-Event“. Ein Schmaus für die Dorfgemeinschaft, gedacht als unbeschwerter Nachmittag für Jung und Alt.
Doch wo der deutsche Kleinbürger auf die eigene Sprache trifft, ist die Katastrophe selten weit. Denn auf den handgemalten Plakaten am Feuerwehrhaus prangte in leuchtenden Farben der verhängnisvolle Satz: „Kommt vorbei und vertretet euch die Beine! Der Eintritt ist frei – und ein Tritt ist auch frei!“
Was als launiges Wortspiel des Vereinsvorsitzenden gedacht war, setzte innerhalb von zwei Stunden eine Kettenreaktion in Gang, die das Dorf an den Rand des Ausnahmezustands brachte.
Der Erste Akt: Die Wachsamkeit der Frau Hohlstein
Frau Hohlstein, Reinigungskraft der Kita und selbsternannte Hüterin der Dorfmoral, sah das Plakat auf dem Weg zur Altglascontainer-Überwachung. Während ein gewöhnlicher Mensch schmunzelnd weitergegangen wäre, arbeitete im Kopf von Frau Hohlstein sofort die juristische Maschinerie.
- Der öffentliche Aufruf zur Körperverletzung: Ein frei verfügbarer Tritt? Ohne Voranmeldung? Frau Hohlstein zückte ihr Smartphone, fotografierte die Parole und verfasste umgehend eine E-Mail an das Ordnungsamt, die Polizeiinspektion und das Gewerbeaufsichtsamt.
- Die Gefährdungsbeurteilung: „Hier wird systematisch zur vorsätzlichen Sach- und Personenschädigung aufgerufen“, tippte sie mit fliegenden Daumen. Dass ihr Nachbar – der Mann, den sie erst letzte Woche wegen drei Minuten Falschparkens beim Ordnungsamt gemeldet hatte – auf dem Festplatz bereits warmgelaufene Turnschuhe trug, wertete sie als unmittelbare Bedrohungslage.
Der Zweite Akt: Das Großaufgebot der Bürokratie
Als am Samstag um 14:00 Uhr die Blaskapelle das Fest eröffnen wollte, war der Dorfplatz bereits von Dienstfahrzeugen umstellt. Das Amt für öffentliche Ordnung war mit drei Einsatzwagen angerückt, flankiert von zwei Vertretern der Berufsgenossenschaft.
Der Vereinsvorsitzende wurde noch am Bratwurststand mit dem Sitten- und Ordnungswidrigkeitenkatalog konfrontiert:
- Unangemeldete Kampfsportveranstaltung: Durch das Versprechen, dass „ein Tritt frei“ sei, handele es sich rechtlich nicht um einen Spaziergang, sondern um eine lizenzierungspflichtige Vollkontakt-Kampfsportveranstaltung nach dem Landessicherheitsgesetz.
- Fehlender Sanitätsdienst: Für eine Veranstaltung, bei der offiziell getreten werden darf, hätten zwei Rettungswagen, ein Notarzt und eine mobile Chirurgie-Station bereitstehen müssen.
- GEMA und Geh-Rechte: Das synchrone Gehen und Vertreten von Beinen im öffentlichen Raum zur Musik der Blaskapelle wurde von den anwesenden Prüfern als „rhythmische Schau-Gymnastik“ eingestuft – nach Tarif U-V mit 300 % Aufschlag nachzahlbar.
Der Dritte Akt: Die sprachliche Falle schlägt zu
Der Nachbar von Frau Hohlstein, der sich den ganzen Nachmittag mit verschränkten Armen am Bierstand aufgehalten hatte, trat schließlich an das Beamtengespann heran.
Er deutete auf Frau Hohlstein, die gerade versucht hatte, heimlich ein Blech unmarkierten Streuselkuchen unter dem Pavillon zu verstecken, und sagte laut: „Herr Wachtmeister, ich möchte hiermit offiziell von dem Angebot des Vereins Gebrauch machen. Ich fordere den mir schriftlich zugesicherten Gratis-Tritt ein – und zwar in Form einer zivilrechtlichen Durchsetzung der Straßenverkehrsordnung gegen die Dame dort!“
Frau Hohlstein erstarrte. Die Kreispolizei nahm die Personalien aller Beteiligten auf. Der Heimatverein wurde vorläufig aufgelöst, der Kuchen wegen fehlender Herkunftsnachweise konfisziert und der Dorfplatz wegen Verdachts auf ungenehmigte Massen-Gymnastik polizeilich abgeriegelt.
Das Ergebnis
Das „Beine-Vertreten-Event“ ging als das kürzeste Dorffest in die Geschichte des Landkreises ein. Dreißig Dorfbewohner standen am Ende mit Sicherheitsabstand auf dem Pflaster und wagten nicht einmal mehr, von einem Fuß auf den anderen zu wechseln – aus Angst, eine ungenehmigte Schritt-Sequenz einzuleiten.
Es bleibt die zeitlose Erkenntnis: Verspüre in Deutschland niemals den Wunsch, dir unaufgefordert die Beine zu vertreten. Es gibt dafür garantiert ein Formular, eine Gebührenordnung und eine Frau Hohlstein, die bereits das Beweisfoto schießt.


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