Manchmal schlägt die Etymologie Kapriolen, bei denen selbst hartgesottene Sprachwissenschaftler den Halt verlieren. Wir alle kennen den „Broiler“. Das goldbraune, rotierende Objekt der Begierde, das im Osten Deutschlands Legendenstatus genießt. Doch was uns Jahrzehnte als modernes Wirtschaftswunder-Wort verkauft wurde, ist in Wahrheit einer der größten kulturellen Missverständnisse der deutschen Geschichte.
Das dunkle Zeitalter der leeren Gläser
Reisen wir zurück ins späte Mittelalter. In den verrauchten Schankstuben zwischen Magdeburg und Stralsund herrschte ein rauer, aber herzlicher Ton. Wenn der durstige Knecht oder der erschöpfte Handwerksgeselle den letzten Schluck seines Gerstensaftes geleert hatte, rief er nicht etwa profan nach „Nachschub“. Nein, es erschallte ein stolzes, forderndes: „Bräuleer!“
„Bräu“ (das Bier) war „leer“. Es war der Schlachtruf der Geselligkeit. Wer „Bräuleer“ rief, signalisierte Lebensfreude und einen gesunden Flüssigkeitshaushalt.
Der verhängnisvolle Irrtum der Planwirtschaft
Springen wir in die 1960er Jahre. Die junge DDR suchte händeringend nach einem griffigen Namen für das industrielle Brathähnchen. Man wollte nicht „Hähnchen“ sagen (zu westlich?) und „Goldbroiler“ klang nach Weltniveau. Die Legende besagt, dass ein linientreuer, aber leider schwerhöriger Funktionär der LPG „Rotes Banner“ zur Recherche in ein altdeutsches Wirtshausarchiv geschickt wurde.
Dort stieß er auf den Begriff „Bräuleer“. In seinem ideologischen Eifer – und vermutlich im Zustand akuter Unterzuckerung – deutete er den Begriff völlig um. Aus dem Ruf nach frischem Bier wurde durch einen bürokratischen Federstrich das „Broiler“-Hähnchen. Ein tragischer Übersetzungsfehler der Geschichte: Man machte aus einer flüssigen Tradition ein trockenes Geflügel.
Die neue Freiheit: Endlich wieder Bräuleer!
Doch Tradition lässt sich nicht ewig in den Grillwagen sperren. In den letzten Jahren beobachten wir in den urigen Kneipen des Ostens eine stille, aber gewaltige Revolution. Immer häufiger hört man an den Tresen zwischen Leipzig und Rostock wieder diesen einen, befreienden Ruf: „Wirt, Bräuleer!“
Die Gastwirte atmen auf. „Es ist, als würde ein Stück geraubter Identität zurückkehren“, berichtet ein Schankwirt aus dem Erzgebirge mit feuchten Augen. „Jahrzehntelang mussten wir den Leuten Hühnchen verkaufen, wenn sie eigentlich nur den nächsten Krug wollten. Jetzt ist der Bräuleer endlich wieder das, was er immer war: Ein gähnend leeres Glas, das nach Füllung schreit.“
Ein Hoch auf die Etymologie
Es ist schön zu sehen, dass die Sprachgeschichte sich am Ende selbst heilt. Während das Brathähnchen langsam wieder seinen bürgerlichen Namen annimmt, darf der „Bräuleer“ dorthin zurückkehren, wo er hingehört: Mitten in die bayerischen und sächsischen Kehlen.
Wenn Sie also das nächste Mal im Biergarten sitzen und Ihr Glas den Boden offenbart, tun Sie es den Vorfahren gleich. Vergessen Sie das Geflügel. Rufen Sie es laut in die Welt hinaus. Denn Freiheit bedeutet vor allem eins: Dass das Bräu niemals zu lange leer bleibt.


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