Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) im September 1983. In der Kommunalen Berufsschule „Friedrich Engels“ herrschte der Ausnahmezustand. Eine neue Klasse angehender Instandhaltungsmechaniker und Chemiefacharbeiter war eingetroffen – frisch von der POS (Polytechnische Oberschule), 16 Jahre alt und voller jugendlicher Arroganz, die der erste Tag als „Erwachsene“ in Arbeitskluft eben so mit sich bringt.
Der Klassenraum 302 vibrierte. Papierflieger segelten durch die stickige Luft, die nach Bohnerwachs und Aufregung roch. Es wurde gebrüllt, gelacht und mit den schweren Holzbänken gescharrt.
Mitten in diesen Hexenkessel trat Beate Zimmermann. Sie war Ende 40, trug eine Hornbrille und hatte in über zwanzig Berufsjahren tausende Lehrlinge kommen und gehen sehen. Sie lehrte Werkstoffkunde und Arbeitsschutz – zwei Fächer, bei denen es auf Präzision und Ruhe ankam. Sie stand an der Tür, das Klassenbuch unter dem Arm, und beobachtete das Treiben.
Niemand beachtete sie. Ein Junge in der letzten Reihe warf gerade ein Lineal nach seinem Kumpel. Beate Zimmermann verzog keine Miene. Sie wusste: Wer jetzt schreit, hat schon verloren. Sie drehte sich wortlos um und verließ den Raum.
Das Schweigen der Lehrerin
Drei Minuten später ging die Tür erneut auf. Die Klasse war immer noch laut, doch ein paar Köpfe drehten sich neugierig um. Frau Zimmermann trug nun kein Klassenbuch mehr, sondern ein kleines, weißes Porzellantellerlein.
Sie ging zum Lehrertisch, stellte den Teller genau in die Mitte und nahm die Kreide. Mit einer ruhigen, fast meditativen Schrift schrieb sie an die Tafel:
„Wenn Sie sich dann alle gegenseitig begrüßt haben und gemerkt haben, dass ich auch schon da bin, können wir gern anfangen.“
Dann legte sie die Kreide ab, setzte sich auf ihren Stuhl, verschränkte die Beine und widmete sich ihrem Mitbringsel.
Die pädagogische Sibylle
Es war eine Stille Sibylle. Und wie Beate Zimmermann da saß, verkörperte sie den Namen dieses Gerichts wie keine Zweite.
Sie nahm das Messer, schnitt ein kleines Stück von dem dunklen, harten Brot ab – es war das berühmte „Kommissbrot“ der Konsum-Bäckerei, das nach echtem Korn und harter Arbeit schmeckte. Dann drapierte sie ein Stückchen des goldglänzenden Makrelenfilets darauf. Der Duft von Erlenrauch und kräftigem Fisch breitete sich langsam im Klassenzimmer aus.
Die ersten Schüler in den vorderen Reihen verstummten. Sie starrten auf ihre Lehrerin, die völlig versunken in ihre Mahlzeit schien. Sie verstrich einen winzigen Klecks des scharfen Bautz’ner Senfs auf einer Eihälfte, legte eine Scheibe saure Gurke dazu und biss bedächtig zu.
Es war faszinierend. Die Ruhe, mit der sie aß, wirkte ansteckender als jedes Gebrüll. Nach und nach legte sich der Lärm. Das Papierfliegerwerfen hörte auf. Die hinteren Reihen rückten ihre Bänke gerade. Es wurde so still, dass man das Ticken der Wanduhr und das leise Krachen der Brotkruste hören konnte, wenn Beate Zimmermann kaute.
Die Macht der Stille
Sie ließ sich Zeit. Sie kaute den Handkäse mit der Hingabe einer Frau, die genau weiß, dass Zeit ihr wichtigstes Werkzeug ist. Erst als der Teller komplett leer war, tupfte sie sich mit einem Stofftaschentuch den Mund ab.
Sie blickte auf. 25 Augenpaare starrten sie gebannt an.
„Guten Morgen“, sagte sie mit einer Stimme, die so leise und fest war wie ein gut gehärteter Stahl. „Mein Name ist Zimmermann. Wir werden uns in den nächsten drei Jahren mit Werkstoffkunde beschäftigen. Und wie Sie gerade gesehen haben: Wenn die Basis stimmt – so wie bei diesem Brot –, dann hält das Ganze auch Belastungen stand. Wer unruhig ist wie Schaumschläger-Weißbrot, wird in der Praxis zerbröseln.“
Ein Raunen ging durch die Klasse. Der Junge aus der letzten Reihe, der eben noch das Lineal geworfen hatte, meldete sich zaghaft. „Frau Zimmermann? War das ’ne Stille Sibylle?“
Beate Zimmermann lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. „Richtig erkannt. Ein Gericht der Vernunft. Es sättigt, es stärkt die Nerven und es zwingt einen zur Ruhe. Genau das, was wir heute brauchen. Schlagen Sie Ihre Hefte auf. Seite 1: Die Struktur der Metalle.“
Warum die Stille Sibylle im Unterricht funktionierte:
- Der Überraschungseffekt: Eine Lehrerin, die im Chaos einfach anfängt zu essen, bricht alle Regeln der Erwartung.
- Die olfaktorische Wirkung: Der starke Geruch von Räucherfisch und Senf signalisiert: Hier passiert gerade etwas Reales, Handfestes.
- Das Vorbild: Die „Stille“ der Sibylle übertrug sich direkt auf die Atmosphäre im Raum.
Beate Zimmermann hatte an diesem Morgen nicht nur Werkstoffkunde unterrichtet. Sie hatte den jungen Leuten gezeigt, dass Autorität nicht durch Lautstärke entsteht, sondern durch Haltung – und vielleicht durch ein verdammt gutes Stück Makrele auf dunklem Brot.


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