Es war ein heißer August im Jahr 1978, als Manuela Wagner ihren ersten richtigen Arbeitstag im VEB Chemiewerk „Elsteraue“ antrat. Mit ihren zwei langen, akkurat geflochtenen Zöpfen und dem frisch gestärkten weißen Laborkittel sah sie aus wie das Musterbeispiel einer aufstrebenden jungen Intelligenz. Manuela war stolz auf ihr Diplom, aber noch stolzer war sie auf ihren neuen Arbeitsplatz im Analytik-Labor 3.
Doch der Stolz hielt genau bis zum Vormittag des zweiten Tages.
Manuela war gerade dabei, eine Destillationsreihe zur Bestimmung von Schwefelanteilen aufzubauen, als das Telefon schrillte. Es war die Materialwirtschaft – eine Rückfrage zu den Reagenzien. Während sie am Hörer hing und versuchte, besonders professionell zu klingen, passierte es: Ein Schlauch lockerte sich, brennbare Dämpfe entichen und entzündeten sich am Bunsenbrenner. Ein kurzes, hässliches Wuff, dann schlugen Flammen am Abzug hoch.
Der Moment der tiefen Scham
Zwar war der Brand dank der schnellen Reaktion der Kollegen und einer Löschdecke nach einer Minute gelöscht, doch das Desaster war perfekt. Die Decke des Labors war rußgeschwärzt, es roch nach verschmortem Gummi, und Manuela stand zitternd mitten im Raum, während der Laborleiter mit finsterer Miene den Schaden protokollierte.
Völlig aufgelöst und mit Tränen in den Augen flüchtete sie nach draußen. Sie setzte sich auf die steinerne Treppe des Laborgebäudes, die Gesichter der Kollegen brannten ihr mehr auf der Seele als das Feuer im Labor. „Die Neue mit den Zöpfen“, dachte sie verzweifelt, „jetzt kennen sie mich alle als die, die am zweiten Tag fast den Betrieb abgefackelt hätte.“
Der Retter in der weißen Schürze
Gegenüber des Labors lag die Werkskantine. Bruno, der Kantinenchef – ein massiger Mann mit einem Gesicht wie ein gutmütiger Hefeteig und Händen, die so groß waren wie Suppenteller – hatte das Spektakel durch das Fenster der Essensausgabe beobachtet. Er hatte gesehen, wie die Werkfeuerwehr angerückt war und wie das junge Mädchen kurz darauf völlig am Ende nach draußen gestürmt war.
Manuela starrte auf ihre Schuhe, als sie plötzlich einen Schatten bemerkte. Ein Paar weiße Gummistiefel blieb vor ihr stehen. Dann spürte sie eine schwere, aber sanfte Hand auf ihrer Schulter.
„Na, kleine Brandmeisterin?“, brummte eine tiefe, warme Stimme. „Kopf hoch. Wer im Chemiewerk arbeitet und noch nie ’ne Stichflamme gesehen hat, der lügt.“
Manuela blickte auf. Bruno hielt ihr ein rustikales Holzbrettchen entgegen, auf dem etwas lag, das sie in diesem Moment für eine Halluzination hielt.
Kulinarische Erste Hilfe
„Komm Mädel, nimm das hier“, sagte Bruno und setzte sich mit einem Ächzen neben sie auf die Stufe. „Essen beruhigt. Und glaub mir, gegen Scham hilft am besten Senf und Räucherfisch.“
Es war eine Stille Sibylle. Aber was für eine! Bruno hatte das Brot extra dick geschnitten – echtes, kräftiges Mischbrot aus der Werksbäckerei. Das Makrelenfilet war goldbraun und duftete nach Erlenrauch. Das hartgekochte Ei war noch lauwarm, und der Klecks Senf war so großzügig, als wollte Bruno damit alle Sorgen des Tages überdecken.
Manuela zögerte kurz, dann nahm sie das Brettchen. Schon der erste Bissen in die harte Brotkruste zwang sie dazu, sich auf etwas anderes als ihr Missgeschick zu konzentrieren. Die Salzigkeit des Fischs, die Schärfe des Senfs und die kühle Frische der Gurke wirkten wie ein chemisches Gegengift zu ihrem Stress.
Ein Lachen auf der Treppe
„Weißt du“, erzählte Bruno, während er zusah, wie Manuela langsam wieder Farbe im Gesicht bekam, „ich hab im ersten Lehrjahr mal fünfzig Liter Gulaschsuppe anbrennen lassen. Der ganze Betrieb hat gestunken. Der Werkleiter meinte damals, wir könnten das Zeug als Unterbodenschutz für die LKWs verkaufen. Man überlebt das, Mädel.“
Manuela musste unwillkürlich kichern. Der Gedanke an den riesigen Bruno und seinen Gulasch-Unterbodenschutz vertrieb die letzte dunkle Wolke in ihrem Kopf. Sie biss herzhaft in das Ei und spürte, wie die Kraft zurückkehrte.
„Danke, Bruno“, sagte sie und wischte sich einen kleinen Senffleck vom Mundwinkel. „Das ist… das ist die beste Medizin, die ich je im Labor gesehen habe.“
„Sag ich doch“, grinste Bruno und stand mühsam wieder auf. „Die Stille Sibylle hat schon ganz andere Katastrophen überstanden. Wenn du fertig bist, bring mir das Brettchen zurück. Und morgen will ich dich wieder mit ordentlich geflochtenen Zöpfen sehen – und den Brenner lässt du diesmal nicht aus den Augen, verstanden?“
Manuela nickte. Sie sah dem Kantinenchef nach, wie er zurück in sein Reich watschelte. Der Geruch von Brand war verflogen, ersetzt durch den ehrlichen Duft von Räucherfisch und Hoffnung.
Die Bilanz ihres zweiten Arbeitstages war vielleicht rußig, aber dank der Stillen Sibylle war sie am Ende doch noch… im Gleichgewicht.


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