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Die Betreuungswut: Warum der Coaching-Markt erwachsene Unternehmer wie Kindergartenkinder behandelt

Der Markt für Coaching, Consulting und „ganzheitliche Begleitung“ ist in den letzten Jahren nicht nur gewachsen – er ist mutiert. Wer heute ein Gewerbe anmeldet, braucht gefühlt erst einmal drei Mindset-Coaches, zwei Performance-Berater und einen spirituellen Business-Mentor, um überhaupt die erste Rechnung schreiben zu dürfen.

Dabei offenbart sich ein Paradoxon, das an die Gesetze der vogonischen Logik erinnert: Die Berater erklären ihren Kunden ununterbrochen, wie erfolglos und optimierungsbedürftig sie seien, während sie ihnen gleichzeitig sechsstellige Honorare aus der Tasche ziehen. Woher kommt das Geld für die Heilung, wenn der Patient angeblich kurz vor dem Ruin steht?


1. Das „Wir-begleiten-dich“-Vokabular: Die Infantilisierung des Unternehmertums

Wer sich heute durch die Webseiten der Branche klickt, stößt auf eine Sprache, die eher an eine Waldkita als an ein Wirtschaftsbüro erinnert. Sätze wie „Wir nehmen dich an die Hand“, „Wir begleiten dich auf deinem Weg“ oder „Wir unterstützen dich bei jedem Schritt“ sind zum Standard geworden.

Was als Empathie getarnt wird, ist bei genauerer Betrachtung eine subtile Herablassung. Der Unternehmer – eigentlich eine Figur, die für Eigenverantwortung, Risikobereitschaft und Durchsetzungskraft steht – wird zum „Schützling“ degradiert.

  • Der Berater wird zum „Gottgleichen“, der über dem Geschehen schwebt.
  • Der Klient wird zum „Unwissenden“, der ohne die tägliche Dosis Motivation und „Prozessbegleitung“ nicht einmal die Kaffeemaschine bedienen könnte.

Dieses Trauma-Bonding (da ist es wieder!) erzeugt eine künstliche Abhängigkeit. Man verkauft dem Löwen ein Abomodell für „Brüll-Coaching“, weil er angeblich vergessen hat, wie man König des Dschungels ist.


2. Das ökonomische Rätsel: Woher kommt das Geld?

Es ist die Eine-Million-Euro-Frage: Wenn ein Unternehmen laut Analyse des Beraters so marode ist, dass es dringend dessen Hilfe braucht – wie kann es sich dann den Tagessatz von 5.000 Euro leisten?

Die Antwort ist oft ein geschlossenes Kreislaufsystem, das an ein Schneeballsystem grenzt:

  1. Die Angst-Investition: Viele Unternehmer investieren nicht aus Stärke, sondern aus Panik. Coaching wird zur „letzten Hoffnung“ stilisiert.
  2. Der Coach-Coach-Kreislauf: Ein erschreckend großer Teil des Marktes besteht daraus, dass Coaches andere Coaches coachen, wie man Coaches coacht. Hier wird Geld im Kreis geschoben, ohne dass jemals ein echtes Produkt oder eine reale Dienstleistung den Besitzer wechselt.
  3. Die Berater-Blase: In Zeiten billigen Kapitals (oder staatlicher Förderungen für „Beratungsleistungen“) wurde Geld oft in den weichen Sektor der Beratung gepumpt, statt in echte Innovation oder Maschinen.

3. Warum gibt es immer noch genug Klientel?

Warum lassen sich gestandene Unternehmer darauf ein? Warum akzeptieren sie die Rolle des „betreuten Unternehmers“?

  • Die Einsamkeit an der Spitze: Viele Unternehmer sind schlicht einsam. Wer ihnen das Gefühl gibt, „begleitet“ zu werden, füllt eine emotionale Lücke. Dass diese Lücke mit kindlicher Sprache und überteuerten Phrasen gefüllt wird, merkt der Klient erst, wenn die Rechnung bezahlt ist.
  • Die Komplexitäts-Falle: Die Welt ist so unübersichtlich geworden, dass das Versprechen von „einfachen Systemen“ und „bewährten Methoden“ wie Balsam wirkt. Der Berater verkauft keine Lösung, sondern die Illusion von Kontrolle.
  • Status durch Beratung: In manchen Branchen gehört es zum guten Ton, einen Coach zu haben. Es ist das moderne Äquivalent zur Psychoanalyse in den 80ern: Wer keinen Berater hat, ist offenbar nicht wichtig genug, um Probleme zu haben.

4. Der Berater braucht keine Beratung?

Die größte Ironie liegt in der Selbstdarstellung der Beraterzunft. Sie präsentieren sich als fehlerfreie Übermensch-Versionen ihrer selbst. Während sie beim Klienten jede „Blockade“ und jeden „Glaubenssatz“ gnadenlos sezieren, reflektieren sie selten öffentlich über ihre eigenen Defizite.

Ein seriöser Berater würde sagen: „Hier ist mein Fachwissen für dein Problem.“ Der moderne Coach sagt: „Ich heile dein Business durch meine bloße Präsenz.“

Fazit (das ich hier nur benutze, um es innerlich zu streichen):

Der Markt für Coaching ist zu einer riesigen Kinderstube für Erwachsene geworden. Echte unternehmerische Freiheit bedeutet jedoch auch, die Hand des Beraters loszulassen und wieder selbst zu laufen – ohne „Begleitung“, ohne „An-die-Hand-nehmen“ und vor allem ohne das pseudo-spirituelle Geschwätz über das nächste „Level“.

Denn am Ende des Tages ist ein Unternehmer jemand, der Dinge unternimmt. Und kein Patient, der eine Dauertherapie bei jemandem braucht, dessen größter Erfolg es ist, anderen zu erklären, wie man erfolgreich aussieht.

Hier ist das ultimative „Coach-Consultant-Bullshit-Bingo“.

Drucke es dir aus, lege es bei deinem nächsten Zoom-Call oder Strategie-Gespräch bereit und mache bei jedem Treffer ein Kreuz. Wenn du eine Reihe voll hast, solltest du schleunigst auflegen – oder dem Berater erklären, dass dein „Mindset“ gerade eine „Veto-Vibration“ aussendet.

Das „Ganzheitliche Begleitungs-Bingo“

BULLS
„Wir holen dich genau da ab, wo du stehst.“„Es ist ein reines Mindset-Thema.“„High-Ticket-Closing“„Wir gehen gemeinsam in die Umsetzung.“„Skalierung ohne Limit.“
„Spür mal in deine Blockade hinein.“„Hast du ein glasklares WARUM?“„Lass uns das mal ganzheitlich betrachten.“„Glaubenssatz-Arbeit“„Werde zur besten Version deiner selbst.“
„Wir nehmen dich an die Hand.“„Das ist ein Quantensprung für dein Business.“MITTE (FREIFELD): Sinnloses Buzzword deiner Wahl„Passive Einkommensströme generieren.“„Wir begleiten dich auf das nächste Level.“
„Dein Business ist der Spiegel deiner Seele.“„Raus aus der Komfortzone!“„Lass uns mal einen Deep-Dive machen.“„Authentisches Storytelling.“„Das ist ein absoluter Gamechanger.“
„Arbeite AN deinem Unternehmen, nicht IN ihm.“„Energetisches Verkaufen.“„Low-Hanging-Fruits ernten.“„Transformation statt Information.“„Du musst es nur genug wollen.“

Die 3 gefährlichsten Warnsignale (Red Flags)

Wenn der Berater diese Sätze nutzt, ist die Herablassung vorprogrammiert:

  1. „Ich sehe da noch ein großes Ego-Problem bei dir.“
    • Übersetzung: Du hast eine eigene Meinung und stellst meine überteuerten Ratschläge infrage. Das passt mir nicht in mein gottgleiches Konzept.
  2. „Du bist noch nicht weit genug für diesen Prozess.“
    • Übersetzung: Du hast bemerkt, dass ich nur hohle Phrasen dresche. Ich schiebe das Versagen jetzt auf deine mangelnde spirituelle Reife, damit du weiter zahlst, um „bereit“ zu werden.
  3. „Wir müssen deine Schwingung an deinen Erfolg anpassen.“
    • Übersetzung: Ich habe keine Ahnung von BWL, Marketing oder Steuern, aber ich kann sehr gut so tun, als ob das Universum deine Buchhaltung übernimmt, wenn du nur fest genug daran glaubst.

Dein Konter-Kit für den Ernstfall

Wenn du den Spieß umdrehen willst, antworte auf die Frage: „Darf ich dich auf deinem Weg begleiten?“ einfach mit:

  • „Nein danke, ich bin erwachsen und kann alleine über die Straße gehen. Aber Sie dürfen mir gerne eine detaillierte Deckungsbeitragsrechnung für mein drittes Quartal erstellen. Können Sie das?“
  • (Meistens folgt hier betretenes Schweigen, da Excel-Tabellen in der Welt der ‚ganzheitlichen Begleitung‘ als ‚niederschwingende Energie‘ gelten.)

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