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Geschichte 28: Kulinarischer Weltfrieden durch die Stille Sibylle

Genf, im Herbst 1985. Im Hauptquartier der Vereinten Nationen herrschte der kulinarische Ausnahmezustand. Die „Weltkonferenz für interkulturelle Harmonie“ stand kurz vor dem Scheitern – nicht wegen der Abrüstungsfragen, sondern wegen der Mittagspause.

Der Chef de Cuisine des UN-Caterings, Monsieur Jean-Pierre, stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. „Es ist unmöglich!“, schrie er und warf seine Kochmütze gegen einen Edelstahltopf. „Die einen wollen kein Schwein, die anderen kein Rind. Die nächste Gruppe isst nichts, was ein Gesicht hat, außer es ist Fisch, aber bitte keine Schalentiere! Und die jungen Delegierten fragen nach glutenfreiem Algen-Extrakt!“

In dieses Chaos trat Dr. Hans-Peter Wohlfahrt, Sohn des legendären Frank Wohlfahrt und mittlerweile „Sonderbeauftragter für globale Verpflegungsstandards“. Er rückte seine Brille zurecht und öffnete eine schwere Aktentasche aus Kunstleder.

Die Entdeckung der „Weltformel“

„Jean-Pierre, beruhigen Sie sich“, sagte Hans-Peter mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der mit dem Geruch von Räuchermakrele aufgewachsen war. „Wir haben in der DDR ein Modell entwickelt, das mathematisch gesehen die Schnittmenge aller menschlichen Essgewohnheiten darstellt. Ich nenne es: Das Sibylle-Axiom.“

Er legte eine Blaupause auf den Küchentisch. Es war die technische Zeichnung einer Stillen Sibylle.

Das diplomatische Wunder-Rezept

Hans-Peter begann mit der Beweisführung, während die Köpfe der internationalen Küchenchefs sich neugierig über den Tisch beugten:

  1. Der Fisch-Faktor: „Die Makrele ist der Diplomat der Meere. Sie ist weder Schwein noch Rind. Sie verstößt gegen keine gängigen religiösen Speisegebote. Sie ist schuppig, flossig und somit sogar für die strengsten Auslegungen koscher und halal.“
  2. Die Ei-Käse-Allianz: „Für die Vegetarier weltweit ist das Ei das Gold des kleinen Mannes. Gepaart mit dem Handkäse – einem fermentierten Protein-Wunder ohne Lab – haben wir eine Sättigung, die selbst den Dalai Lama lächeln ließe.“
  3. Die vegane Basis: „Das dunkle Vollkornbrot, die Gurke und der Senf? Rein pflanzlich! Das Fundament der Weltgemeinschaft ist vegan.“
  4. Die ‚Ekel-Prävention‘: „Keine gegrillten Heuschrecken, keine Schlangensteaks, keine Sülze aus zweifelhaften Körperteilen. Die Sibylle ist visuell transparent. Was man sieht, ist was man kriegt.“

Der Testlauf im Sicherheitsrat

Um 13:00 Uhr wurde serviert. Die Welt hielt den Atem an. Der sowjetische Botschafter starrte auf sein Brettchen, der Vertreter aus Saudi-Arabien begutachtete den Senf, und der Delegierte aus Indien prüfte den Käse.

Plötzlich passierte das Unvorstellbare: Gleichzeitiges Kauen.

Der US-Botschafter rief: „It’s a Sandwich, but with soul!“

Der Abgesandte aus Japan nickte: „Sehr effiziente Struktur. Das Umami der Makrele ist exzellent.“

Die Vertreterin der skandinavischen Länder war entzückt: „Endlich ein Gericht, das so aussieht wie unsere Möbel – funktional, dunkel und ehrlich.“

Mathematische Perfektion (Das Sibylle-Modell)

Dr. Wohlfahrt notierte zufrieden die „Universal-Sättigungs-Konstante“ S°² für das Protokoll:

S°² = B * (M + E) / G + Se

Wobei B für Brot-Dichte, M für Makrelen-Fettgehalt, E für Ei-Volumen, G für Gurken-Frische und Se für die Senf-Schärfe steht.

Resultat: Weltfrieden auf dem Brettchen

An diesem Tag wurde die „Genfer Konvention über die Zwischenmahlzeit“ unterzeichnet. Die Stille Sibylle wurde zum Universalgericht erklärt. Sie war das einzige Essen, bei dem sich ein texanischer Ölmagnat, ein buddhistischer Mönch und ein Berliner Schichtarbeiter einig waren: „Det hält vor!“

Frank Wohlfahrt, der in Bitterfeld vor seinem Fernseher saß und die Nachrichten sah, wie der UN-Generalsekretär herzhaft in eine Makrele biss, wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Siehste“, murmelte er. „Ick hab’t immer jewusst. Wer ne Sibylle im Bauch hat, der schießt nich auf andere. Der kaut ja noch.“

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