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Geschichte 27: Über den Wolken mit der Interflug

Berlin-Schönefeld, 23:45 Uhr. Die Triebwerke der Iljuschin Il-62 rollten langsam aus, und Renate Sommerfeld glättete sich zum hundertsten Mal an diesem Tag das dunkelblaue Schiffchen auf ihrem perfekt sitzenden Haar. 33 Jahre alt, Stewardess bei der Interflug und mit einer Engelsgeduld gesegnet, die normalerweise nur Heilige oder Kindergärtnerinnen besitzen.

Der Flug Moskau-Berlin war eigentlich Routine, wäre da nicht die Fracht in der Kabine gewesen: Die sowjetische Nationalmannschaft im Superschwergewicht-Ringen. Zwanzig Hünen, deren Schultern breiter waren als die Flugzeugsitze und die während des gesamten Fluges aussahen, als wollten sie das Bordmenü mitsamt der Aluminiumschalen verspeisen.

Die „Hungersnot“ über den Wolken

„Renate, Schätzchen“, flüsterte ihre Kollegin Monika in der Bordküche, „die Russen haben die Hühnerbeinchen innerhalb von drei Minuten inhaliert. Jetzt gucken sie mich an, als wäre ich die nächste Vorspeise. Wir haben nichts mehr außer Tomatensaft und ein paar Salzstangen.“

Renate rollte mit den Augen. „Salzstangen für Ringer? Det is ja, als wenn de nem Elefanten ne Erbse anbietest. Wart mal ab, ick hab da noch meine ‚Eisernen Reserven‘ im Handgepäck.“

Die Rettung: Sibylle im Sturzflug

Renate wusste, dass sie nach der Landung direkt ins Berliner Nachtleben eintauchen wollte – eine Verabredung im „Haus der Heiterkeit“. Dafür hatte sie sich extra beim Zwischenstopp eine Luxus-Version der Stillen Sibylle vorbereitet.

Sie holte ihr privates Paket hervor. Da sie wusste, dass russische Sportler Gastfreundschaft schätzten, fing sie an, in der engen Interflug-Galeere zu zaubern:

  • Das Fundament: Kräftiges Pumpernickel-Brot (extra stabil für die Flugzeughöhe).
  • Der Fisch: Beste Räuchermakrele, die sie in Moskau auf dem Markt ergattert hatte.
  • Die Krönung: Eier, die sie im Hotel vorgekocht hatte, und ein Klecks Bautz’ner Senf, der so scharf war, dass er die Bordelektronik hätte stören können.

Sie schnitt die Sibyllen in mundgerechte (für Ringer-Mäuler eher handgroße) Stücke.

„Vot eto da!“ – Ein kulinarischer K.o.

Renate schritt mit dem Tablett durch den Gang. Der größte der Ringer, ein Mann namens Igor mit Armen wie Baumstämme, sah sie erwartungsvoll an.

„Gospodin Igor“, sagte Renate mit ihrem charmantesten Interflug-Lächeln, „eine kleine deutsche Spezialität. Wir nennen es die Stille Sibylle. Das gibt Kraft für den Sieg.“

Igor nahm die Schnitte mit zwei Fingern entgegen, biss hinein und erstarrte. Der Senf schoss ihm in die Nebenhöhlen, der Fisch schmolz auf der Zunge. Seine Augen weiteten sich. „Ochen khorosho!“, brüllte er durch die Kabine. „Eto bomba!“ (Das ist eine Bombe!)

Innerhalb von fünf Minuten herrschte in der Kabine eine andächtige Stille. Zwanzig sowjetische Kraftpakete kauten synchron auf dunklem Brot und geräuchertem Fisch. Die „Stille Sibylle“ hatte die Bestien gezähmt.


Vom Rollfeld in die Nacht

Nach der Landung und dem Zoll wollten die Ringer Renate gar nicht gehen lassen. Sie bestanden darauf, dass ihre „Retterin“ sie in das Berliner Nachtleben begleitet.

So kam es, dass Renate Sommerfeld gegen zwei Uhr morgens in einer legendären Berliner Bar am Friedrichstadtpalast auftauchte – im Schlepptau zwanzig russische Ringer, die alle ein Wort gelernt hatten und es dem Barkeeper entgegenbrüllten: „SIBYLLE!“

Der Barkeeper, ein alter Berliner mit Schiebermütze, guckte nur trocken über seine Brille: „Jungs, ick hab Buletten und Bier. Wat is ne Sibylle? Ne neue Rakete von de Russen?“

Renate lachte, bestellte eine Runde Wodka für die Jungs und ein großes Bier für sich. „Nee, Meester. Ne Sibylle is det einzige, wat diese Schränke hier davon abhält, deine Bar in Schutt und Asche zu legen. Mach de Eier warm und hol de Makrelen raus!“

Das Fazit einer Flugbegleiterin

Die Nacht endete erst im Morgengrauen. Renate war müde, aber glücklich. Die Interflug hatte eine neue diplomatische Geheimwaffe entdeckt. In ihrem nächsten Flugbericht vermerkte sie unter Besondere Vorkommnisse:

„Sowjetische Nationalmannschaft durch Verabreichung von ‚Stiller Sibylle‘ erfolgreich befriedet. Treibstoffverbrauch stabil, Moral der Besatzung hervorragend. Empfehle Aufnahme von Ljutenica in das Standardsortiment für Flüge über 1000 km.“

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