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Geschichte 30: Neues Glück in Marzahn und ein kurioses Wiedersehen

Berlin-Marzahn, Januar 1979. Der Winter hatte den jungen Stadtteil fest im Griff. Zwischen den grauen Riesen aus Beton pfiff ein eisiger Wind, und der frisch gefallene Schnee knirschte unter den Reifen der Umzugswagen. Elfriede Weber de Fernandez stand in ihrer gemütlichen Zweiraumwohnung im siebten Stock und beobachtete durch den Spion ihrer Wohnungstür das Treiben auf dem Flur.

In die Wohnung direkt gegenüber wurde eingezogen. Schwere Schränke wurden um die Ecke gewuchtet, Kartons stapelten sich, und das typische Echo von Kommandos hallte durch das Treppenhaus.

Das verdächtige Gesicht

„Na, hoffentlich sind det nich so ne Krawallschachteln“, murmelte Elfriede vor sich hin. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit, um den obligatorischen Kontrollblick zu wagen. Ein junger Mann, völlig außer Puste und mit Schweißperlen auf der Stirn, hievte gerade eine Matratze aus dem Fahrstuhl. Hinter ihm tauchte eine junge Frau auf, die zwei Zimmerpflanzen und einen auffälligen, blauen Rucksack trug.

Elfriede stutzte. Dieser Rucksack… diese Zöpfe… und der Kerl mit den zu langen Beinen.

„Det jibt’t ja jarnich“, flüsterte sie. „Det sind doch die beeden Irrläufer aus de Baaber Heide!“

Ein breites Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. Was für ein Zufall – in einer Millionenstadt wie Berlin landeten die beiden ausgerechnet Wand an Wand mit der „Strandvogtin“ von Rügen.

Die kulinarische Begrüßung

Elfriede zog sich in ihre Küche zurück. Sie wusste genau, was jetzt zu tun war. Einzug in die Platte bedeutete Hunger, Chaos und wahrscheinlich eine Küche, in der man noch nicht mal einen Teelöffel fand.

Sie holte das gute Holzbrettchen heraus. Mit der Routine einer Frau, die tausende Urlauber sattgekriegt hatte, bereitete sie zwei Portionen vor. Das Brot war frisch vom Bäcker unten am Marchwitzaring – kräftig und dunkel. Die Makrelenfilets glänzten silbrig, die Eier waren perfekt halbiert und der Bautz’ner Senf thronte wie eine kleine scharfe Krone darauf.

„So, ihr Rucksack-Touris“, sagte sie und strich die Gurken fächerförmig zurecht. „Willkommen im Dschungel von Marzahn.“

Der Groschen fällt

Es klopfte an der Tür der Nachbarwohnung. Der junge Mann, dessen Haare nun völlig zerzaust waren, öffnete. Er sah müde aus, staubig und hungrig. Vor ihm stand Elfriede, die Fäuste in die Hüften gestemmt, in der Hand zwei Teller mit der Stillen Sibylle.

„Na, ihr beeden Landratten!“, schallte ihre Berliner Schnauze durch den kahlen Flur. „Habt ihr euch wieder verlaufen oder is det hier jetzt eure neue Basisstation für Fehlplanungen?“

Der junge Mann starrte sie an. Er blickte auf die Teller, dann zurück in Elfriedes Gesicht. Hinter ihm tauchte seine Freundin auf. „Wer ist denn da, Thomas?“

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Das Bild von der hell erleuchteten Veranda in Baabe, dem schimpfenden „Rügen-Drachen“ und dem rettenden Fischgericht schoss ihnen gleichzeitig in den Kopf.

„Elfriede?!“, riefen beide wie aus einem Mund.

„Na wer denn sonst? Der Kaiser von China etwa?“, frotzelte Elfriede. „Ick wohne hier nebenan. Und weil ick mir dachte, dass ihr beim Möbelrücken sicher wieder verjessen habt, wo oben und unten is, hab ick euch wat Handfestes mitjebracht. Hier, ne Stille Sibylle – diesmal ohne Sand in de Schuhe, aber mit herzlichen Grüßen aus de Nachbarschaft.“

Ein Lachen im siebten Stock

Thomas und seine Freundin fingen gleichzeitig an zu lachen – ein befreiendes, herzliches Lachen, das durch den leeren Flur schallte. Sie nahmen die Teller entgegen, als wären sie aus purem Gold.

„Wir fassen es nicht“, stammelte Thomas. „Wir ziehen hier ein und das Erste, was wir sehen, ist das Gesicht, das uns auf Rügen das Leben gerettet hat.“

„Na, übertreibt mal nich“, winkte Elfriede ab und trat einen Schritt in die neue Wohnung. „Aber eins sag ick euch: Wenn ihr hier ooch so ne Irrfahrten veranstaltet, dann jibt’t Ärger mit de Hausjemeinschaft! Hier wird nich im Kreis jeloofen, hier wird anständig jewohnt!“

Sie saßen wenig später auf zwei Umzugskartons mitten im Chaos. Thomas und seine Freundin bissen in das kräftige Brot, und der vertraute Geschmack von Makrele und Senf verband die ferne Ostsee mit dem neuen Beton-Zuhause in Marzahn.

Elfriede sah ihnen zufrieden zu. Sie wusste: In dieser Platte würde sie sich nicht einsam fühlen. Die Stille Sibylle hatte heute nicht nur den Hunger gestillt, sie hatte aus Fremden Nachbarn gemacht.

„Willkommen zu Hause, ihr Quatschköppe“, sagte Elfriede leise. Die Bilanz im Januar 1979 war perfekt: Die Nachbarschaft stimmte, der Fisch war frisch und die Berliner Schnauze hatte wieder einmal das letzte Wort.

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