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Geschichte 25: Verirrte Rucksacktouristen auf Rügen

Baabe auf Rügen, Mitte September 1977. Der Sommer hatte sich mit einem letzten, salzigen Aufseufzen verabschiedet. In den Pensionen hingen die „Besetzt“-Schilder nicht mehr in den Fenstern, und der Wind pfiff bereits deutlich schärfer durch die Kiefernwälder der Baaber Heide.

Elfriede Weber de Fernandez – eine Frau, die so viel Berliner Herz und Schnauze besaß, dass man sie wahrscheinlich vom Fernsehturm aus hätte fluchen hören können – saß in der gemütlichen Verwalterstube ihres kleinen Ferienheims „Ostseeglück“. Die Urlauber waren weg, die Betten abgezogen, und Elfriede freute sich eigentlich auf ihren Feierabend vor dem Fernseher.

Gerade lief ein Krimi, als sie es hörte: Ein Scharren, ein unterdrücktes Flüstern, direkt draußen auf der Veranda.

Die Berliner Offensive

„Na, det hat mir jrade noch jefehlt!“, knurrte Elfriede. „Einbrecher uff Rügen? Die haben wohl det Jhirn in de Ostsee versenkt!“

Sie fackelte nicht lange. Mit einer Entschlossenheit, die sie im Krieg gelernt und im FDGB-Ferienwesen perfektioniert hatte, sprang sie auf. Sie riss alle Lichtschalter gleichzeitig an, bis das Haus strahlte wie ein Leuchtturm bei Sturmwarnung. Dann riss sie die schwere Holztür auf und trat hinaus in den kühlen Dünensand.

„Hände hoch oder ick rufe de Volkspolizei, ihr Knalltüten!“, brüllte sie mit ihrer Reibeisenstimme über das Grundstück. „Wer hier klauen will, kann jleich wieder umdrehen, hier jibt’t nur noch leerjefressene Kühlschränke und ne jebrauchte Bettpfanne!“

Die Irrläufer im Scheinwerferlicht

Statt finsterer Gestalten mit Brecheisen standen im hellen Lichtkegel zwei völlig verdutzte junge Leute. Er trug einen Rucksack, der fast so groß war wie er selbst, sie hielt sich am Träger ihrer Umhängetasche fest. Beide sahen aus, als hätten sie gerade eine Weltumsegelung hinter sich – im Schlauchboot.

„Entschuldigung“, stammelte der junge Mann. „Wir… wir haben uns verlaufen. Wir suchen den Campingplatz, aber irgendwie stehen wir im Wald.“

Elfriede stemmte die Fäuste in die Hüften. Ihr Zorn verflog so schnell, wie er gekommen war, ersetzt durch ein mitleidiges Kopfschütteln. „Campingplatz? Sag mal, Schätzken, habt ihr ne Karte von 1912 oder wat? Der is drei Kilometer weiter südlich. Ihr seid hier in Baabe, nich in Honolulu!“

Die junge Frau zitterte leicht. „Wir haben seit dem Vormittag nichts mehr gegessen. Wir dachten, hier brennt noch Licht…“

Kulinarische Asylgewährung

Elfriede sah an den beiden Rucksacktouristen herunter. „Ihr seht aus wie zwei verhungerte Heringe nach der Laichzeit“, stellte sie trocken fest. „Na, kommt rein. Bevor mir hier noch eener jammert und ick det Jugendamt rufen muss.“

Sie führte sie in die Küche, wo es nach Bohnerwachs und Kaffee roch. „Hört zu, Quatschköppe. Ende der Woche reise ick ab, die Saison is jeloofen. Die Vorräte sind so dünne wie de Beene von ne Mücke. Aber…“ – sie öffnete den massiven Kühlschrank – „ne Stille Sibylle krieje ick noch zusammenjebastelt. Det rettet euch det Leben, oder zumindest de Nacht.“

Die Sibylle der Strandvogtin

Elfriede wirbelte durch die Küche. Sie schnitt das kräftige Mischbrot auf, das sie noch vom örtlichen Bäcker hatte. „Det Brot is wie ick“, bemerkte sie, während sie die Butter aufstrich. „Außen hart, innen jut und janz schön altmodisch.“

Wenig später stellte sie den beiden jeweils ein Brettchen hin. Die Makrele war frisch aus der Räucherei am Hafen, das Ei perfekt geköpft, der Senf leuchtete scharf und die Spreewaldgurke lag wie ein grüner Wächter daneben.

„Hier, esst det“, befahl sie. „Und nich so hastig, sonst kriegt ihr Schluckauf und ick muss euch ooch noch rückenklopfen.“

Das junge Paar biss hinein, als wäre es das erste Mal seit Wochen, dass sie etwas Richtiges zwischen die Zähne bekamen. Die Stille Sibylle machte ihrem Namen alle Ehre – es wurde augenblicklich ruhig am Küchentisch.

„Danke, Frau… Frau…?“, setzte die junge Frau an. „Elfriede, Kindchen. Einfach Elfriede. Und nun esst uff. Wer so weit läuft, braucht Proteine und nich nur Jutebeutel-Ideale.“

Ein Abschiedsgruß

Als die beiden später, sichtlich gestärkt und mit einer genauen Wegbeschreibung (und zwei Äpfeln für den Weg), wieder in die Nacht traten, rief Elfriede ihnen noch hinterher: „Und wenn ihr morgen wieder im Kreis lauft, dann sucht euch ne Parkbank! Ick hab morgen Ruhetag!“

Sie schloss die Tür, löschte die Lichter und setzte sich wieder vor den Fernseher. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Die Stille Sibylle war für Elfriede immer der Abschluss der Saison gewesen. Dass sie dieses Jahr zwei verirrten Seelen damit den Urlaub gerettet hatte, passte genau in ihre Berliner Bilanz: Herz zeigen, aber den Sarkasmus nie vergessen.

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