Die IFA-Werke in Ludwigsfelde waren das Herzschlagzentrum der DDR-Nutzfahrzeugproduktion. Hier, zwischen dem Dröhnen der Montagebänder und dem Geruch von frischem Lack und Diesel, trafen sich alle zwei Wochen Joachim und Johannes Schukovski. Die Zwillinge waren wie aus einem Guss – breitschultrig, mit Händen, die so groß waren, dass sie ein Lenkrad wie ein Spielzeug wirken ließen.
Ihre Familie war seit Generationen auf Achse. Wo ihr Großvater noch mit zwei Kaltblütern und einem Holzwagen Mehlsäcke transportiert hatte, steuerten die Brüder nun ihre IFA W50 über die Fernverkehrsstraßen. Sie waren stolze Kraftfahrer, die das Erbe des Großvaters im Blut hatten: Zuverlässigkeit, Ruhe und die Gewissheit, dass man auf der Straße nie allein ist.
Das Ritual an der Fabrikpforte
Ihr gemeinsamer Ladetermin im Werk war heilig. Bevor die Planen ihrer W50 mit Maschinenteilen verzurrt wurden, gab es nur ein Ziel: die „Eckkneipe zur Pforte“.
„Zweimal die Sibylle, Erna!“, rief Johannes, kaum dass sie die verrauchte Gaststube betreten hatten. „Und pack uns zwei für die Fahrt ein. In Pergament, damit das Brot nicht schwitzt.“
Dort saßen sie, die Schukovski-Zwillinge, zwei Riesen über ihren Holzbrettchen. Die Stille Sibylle war für sie kein Snack, sondern Treibstoff. Die Makrele gab Kraft, der Senf hielt die Sinne wach, und das Brot erinnerte sie an die Heimat. Es war ihre stille Übereinkunft: Wer Sibylle isst, fährt sicher.
Die Begegnung im Nirgendwo
Wenig später rollte Johannes mit seinem W50 über eine endlose Landstraße irgendwo in der Altmark. Die Hitze flimmerte über dem Asphalt. Am Straßenrand stand ein himmelblauer Trabant 601, die Haube zu, daneben ein Mann, der völlig verzweifelt eine zerfledderte Landkarte gegen den Wind hielt.
Johannes drosselte das Gas, die Druckluftbremsen zischten, und der bullige LKW kam zum Stehen. Er sprang aus dem Führerhaus – eine Erscheinung in seinem Feinripp-Unterhemd, die den schmächtigen Trabant-Fahrer fast einschüchterte.
„Na, Kollege? Karte falsch rum oder hat der Kompass Schluckauf?“, fragte Johannes mit tiefer Bassstimme.
Der Mann sah ihn mit Rändern unter den Augen an. Im Auto saßen seine Frau und ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt. „Wir wollen an die See. Urlaub. Aber die Umleitung hat uns völlig rausgebracht. Wir fahren seit Stunden im Kreis, und ich finde den Anschluss zur F105 nicht.“
Aus dem Inneren des Trabants drang ein herzzerreißendes Schluchzen. Der kleine Junge auf dem Rücksitz weinte bitterlich.
Kulinarische Nothilfe vom Bock
„Was hat der Lütte denn?“, fragte Johannes besorgt und beugte sich zum Fenster. „Er hat Hunger“, sagte die Mutter erschöpft. „Wir wollten eigentlich schon vor zwei Stunden an einer Raststätte sein, aber hier gibt es nichts außer Bäumen und Sand.“
Johannes lachte, ein Geräusch wie ein anspringender Motor. „Hunger? Das ist das einzige Problem, das ein Schukovski sofort lösen kann!“
Er stapfte zurück zu seinem W50, kletterte ins Führerhaus und holte das in Pergamentpapier gewickelte Paket hervor, das er vorhin bei Erna gekauft hatte. Er kehrte zum Trabant zurück und reichte es dem Jungen durch das Fenster.
„Hier, mein Kleiner. Das ist eine Stille Sibylle. Das essen echte Kapitäne der Landstraße. Davon kriegst du Bärenkräfte, und das Weinen hört ganz von alleine auf.“
Das Wunder der Makrele
Die Familie starrte auf das Paket. Als sie es öffneten, verbreitete sich der Duft von geräucherter Makrele und frischem Brot im kleinen Trabant. Der Junge hörte augenblicklich auf zu weinen. Seine Augen wurden groß, als er das Ei und das goldglänzende Fischfilet sah. Mit beiden Händen packte er die Schnitte und biss hinein.
„Mensch… danke“, sagte der Vater sichtlich gerührt. „Das können wir doch nicht annehmen, das war doch Ihr Proviant.“
„Ach was“, winkte Johannes ab. „Ich hab genug Speck auf den Rippen, ich schaff’s auch so bis nach Hause. Und jetzt aufgepasst: Ihr fahrt hier zwei Kilometer geradeaus, dann links beim alten Konsum ab, und immer der Sonne nach. Dann seid ihr in zwanzig Minuten auf der Hauptstraße.“
Johannes kletterte wieder auf seinen Bock. Als er im Rückspiegel sah, wie der kleine Junge ihm mit einer Hand zuwinkte, während die andere fest die Sibylle hielt, musste er grinsen.
Er hatte zwar nun selbst Hunger, aber das Gefühl im Bauch war besser als jede Mahlzeit. Die Stille Sibylle hatte heute nicht nur einen Magen gefüllt, sondern eine Urlaubsreise gerettet. Und irgendwo da oben, so dachte Johannes, hätte sein Opa mit den Pferden sicher zustimmend genickt.


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