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Geschichte 20: Der Renner am Strandkiosk? Die Stille Sibylle

Zingst, im Juli 1982. Die Ostsee glänzte unter der Mittagssonne wie flüssiges Blei, und ein lauer Wind trug das Kreischen der Möwen und den Geruch von Salzwasser und Kiefernnadeln über den Deich. Für Frank Wohlfahrt und Rolf Wagner war dies der heiligste Ort der Welt – und der exklusivste.

Wegen der strengen Vergabe der Campingplätze und ihrer unterschiedlichen Schicht- und Reisepläne im Kombinat hatten sie es geschafft, ihre Zeltplatz-Zuteilungen exakt so zu takten, dass sie sich nur alle zwei Jahre hier trafen. Diese zwei Wochen waren das „Halleysche Kometen-Ereignis“ ihrer Freundschaft.

Sie saßen vor Rolfs „Intercamp“-Wohnwagen, die Klappstühle tief im Sand vergraben. Zwischen ihnen stand ein wackeliger Campingtisch, auf dem zwei Holzbrettchen thronten.

Die „Heimkehr“ der Sibylle

„Weißt du, Rolf“, sagte Frank und blickte auf das glänzende Makrelenfilet auf seinem Brot, „wenn man hier sitzt, das Meer riecht und den Fisch sieht, dann fragt man sich: Warum haben wir in Sachsen eigentlich jemals behauptet, das sei ein Kneipensnack? Das hier ist die Ur-Form. Die Stille Sibylle gehört an die Küste wie der Sand in die Schuhe.“

Rolf lachte und klopfte sich auf den Bauch. „Stimmt genau. Der Fisch ist hier quasi noch warm vom Räuchern, das Ei kommt vom LPG-Hof hinterm Deich, und das Brot… naja, das Brot hat der Bäcker im Ort heute Morgen mit der Hand geknetet. Es passt hierher, als hätte es nie woanders existiert. Die Leute hier denken wahrscheinlich, wir hätten es bei ihnen geklaut.“

Tatsächlich wirkte die Sibylle in der maritimen Umgebung völlig organisch. Die rauchige Note der Makrele verschmolz mit der salzigen Brise der Ostsee. Es war, als hätte die Natur selbst dieses Gericht für die Küste entworfen.

Der Ansturm auf das „rote Gold“

Ihr Blick schweifte zum kleinen Strandkiosk, der etwa fünfzig Meter entfernt hinter den Dünen lag. Dort hatte sich eine ungewöhnlich lange Schlange gebildet. Urlauber in gestreiften Badehosen und bunten Kittelschürzen standen geduldig an.

„Guck dir das an“, grinste Rolf und deutete mit dem Messer auf den Kiosk. „Siehst du das Schild?“

Frank kniff die Augen zusammen. Am Kiosk hing ein handgemaltes Plakat: „NEU: Stille Sibylle Spezial – Jetzt mit der originalen bulgarischen Würze aus dem Städteexpress!“

„Das ist dein Werk, Frank“, sagte Rolf kopfschüttelnd. „Du hast es geschafft. Das ‚rote Zeug‘ aus Sofia ist jetzt der Renner an der Ostsee. Die Leute stehen Schlange für unsere Erfindung.“

Ein junger Mann mit einem aufblasbaren Wasserball unter dem Arm kam gerade vom Kiosk zurück, in der Hand ein Pappteller mit einer Sibylle, die dick mit Ljutenica bestrichen war. „Mensch, Gitti, probier mal!“, rief er seiner Frau zu. „Das brennt so herrlich auf der Zunge, da braucht man danach gleich noch ’nen Doppelten!“

Eine Bilanz unter Freunden

Frank lehnte sich zufrieden zurück. Er holte seine Praktica aus dem Vorzelt und schraubte das Weitwinkelobjektiv auf. Er fotografierte Rolf, wie er gerade in eine „Bulgarische Küsten-Sibylle“ biss, im Hintergrund die weißen Segel der Boote auf dem Bodden.

„Zwei Jahre haben wir gewartet, Rolf“, sagte Frank leise. „In der Zeit haben wir das Ministerium weichgeklopft, die Reichsbahn infiltriert und den Bulgaren einen neuen Exportmarkt verschafft. Nicht schlecht für zwei Kumpels vom Campingplatz.“

Rolf hob sein Glas Radeberger. „Und das Beste ist: In zwei Jahren, wenn wir wieder hier sitzen, wird es wahrscheinlich schon eine ‚Stille Sibylle‘-Gedenktafel am Hafen geben. Aber egal, wie berühmt das Ding wird – für uns bleibt es das, was es immer war: Das beste Fundament für ein ordentliches Gespräch unter Freunden.“

Sie stießen an. Das Klacken der Gläser mischte sich mit dem Rauschen der Wellen. Die Stille Sibylle war nun endgültig dort angekommen, wo sie hingehörte: an der See, im Wind und in den Herzen (und Mägen) der Menschen.

Die Bilanz von Zingst 1982 war eindeutig: 100 Prozent Planübererfüllung in Sachen Lebensfreude.

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