Naumburg an der Saale, Anfang der 80er Jahre. Wenn die Abendsonne die Türme des Doms in ein sanftes Rosé taucht, herrscht in den Schaufenstern des großen HO-Warenhauses am Markt noch geschäftiges Treiben. Hinter den dicken Glasscheiben steht Roswitha Steinert, eine Frau mit einem untrüglichen Gespür für Ästhetik und Harmonie. Als Schauwerbegestalterin ist sie die Architektin der Träume in einer Welt, in der es oft am Nötigsten fehlt. Mit Stecknadeln im Mund, Stoffballen über dem Arm und ein paar künstlichen Herbstblättern aus Plastik zaubert sie eine Welt, die schöner aussieht, als die Realität hinter der Ladentür.
Roswitha ist eine Frau der leisen Töne und der feinen Nuancen. Ihr Blick für Kompositionen macht nicht bei der Dekoration von Herrenoberbekleidung halt – er zieht sich durch ihr ganzes Leben.
Doch einmal im Monat, immer am Mittwochabend, lässt Roswitha die Schaufensterpuppen und die Dekostoffe hinter sich. Dann tauscht sie den Kittel gegen ihre gute Strickjacke und macht sich auf den Weg zum Probenraum des Naumburger Frauenchores. In der Gemeinschaft der Stimmen, zwischen Sopran und Alt, findet sie einen Ausgleich zu der stummen Welt ihrer Schaufenster. Es wird „An der Saale hellem Strande“ gesungen oder Volkslieder, die von Heimat und Sehnsucht erzählen.
Gegen 20:30 Uhr, wenn die Kehlen trocken und die Lieder gesungen sind, folgt der zweite Teil des Abends. Die Frauen ziehen weiter in die „Weinstube am Steinweg“, ein gemütliches Lokal mit dunkler Täfelung und den typischen grünen Römergläsern auf den Tischen.
Während die anderen Frauen oft zu einem schweren Rotwein greifen, bevorzugt Roswitha einen spritzigen Müller-Thurgau aus den nahegelegenen Weinbergen von Roßbach oder, wenn es etwas zu feiern gibt, ein Glas Rotkäppchen-Sekt aus der Sektkellerei im benachbarten Freyburg.
„Und für mich bitte wieder das Übliche“, sagt Roswitha zum Kellner und lächelt fein. Der Kellner weiß Bescheid. In einer Stadt wie Naumburg, die so stolz auf ihre Weintradition ist, mag eine Fischspeise zum Wein für manche ungewöhnlich klingen, aber für Roswitha ist die „Stille Sibylle“ die Krönung des Abends.
Wenn das Brettchen serviert wird, betrachtet Roswitha es zuerst mit dem Auge der Gestalterin. Sie liebt das Farbspiel: das tiefe Braun des kräftigen, selbstgebackenen Sauerteigbrotes, das matte Silber des Makrelenfilets, das leuchtende Gelb des Eigelbs und das dunkle Grün der fächerförmig geschnittenen Gurke.
„Schaut euch das an“, sagt sie zu ihren Chorkolleginnen, „das ist fast zu schade zum Essen. Die Komposition ist perfekt.“
Doch Roswitha weiß, dass der wahre Zauber im Kontrast liegt. Sie nimmt ein Stück des kräftigen Brotes, dessen Kruste so herrlich kracht – ein Zeichen echter Handwerkskunst des Bäckers. Sie streicht den scharfen Senf auf das Ei, legt ein Stück vom rauchigen Makrelenfilet dazu und kombiniert es mit einem winzigen Stück des strengen Handkäses.
Dazu ein Schluck vom kühlen Wein. Die Säure des Weins schneidet durch das Fett des Fisches und die Schwere des Käses. Es ist ein Spiel der Gegensätze: Feinheit trifft auf Rustikalität, Kunst auf Handwerk.
„Es rundet den Abend einfach ab“, erklärt sie ihren Freundinnen, während sie die Gurkenscheibe als erfrischenden Abschluss genießt. „Der Sekt kitzelt die Zunge, und die Sibylle gibt dem Ganzen die nötige Erdung. Das ist wie ein guter dreistimmiger Satz – wenn eine Stimme fehlt, ist das Lied nicht rund.“
Die Gespräche am Tisch drehen sich um die nächste Aufführung im Dom, um die schwierige Beschaffung von moderner Tapete für das Warenhaus und um die kleinen Freuden des Alltags in Naumburg. Roswitha hört zu, genießt ihren Wein und lässt sich Zeit mit ihrem Brettchen. Sie ist keine Frau der Eile.
Um kurz vor elf bricht die Runde auf. Roswitha spaziert durch die menschenleeren Gassen der Altstadt nach Hause. Der Geschmack von Rauchfisch, Senf und dem feinen Wein begleitet sie. Morgen wird sie wieder im Schaufenster stehen und eine neue Welt aus Nichts erschaffen. Aber heute Abend hat sie die Welt so genossen, wie sie war: ehrlich, schmackhaft und perfekt komponiert durch eine „Stille Sibylle“.
Sie schließt ihre Wohnungstür auf, blickt noch einmal kurz in Richtung Dom und weiß: Die Bilanz dieses Mittwochs ist – wie ihre Schaufenster – absolut sehenswert.


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