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Geschichte 5: Das Dienstag Ritual des Dietmar Vogel – Stille Sibylle in der Eckkneipe

Es ist Dienstagabend, kurz nach achtzehn Uhr. Ein bleiches Licht fällt aus den modernen Straßenlaternen der Neubausiedlung am Stadtrand auf den Stolz von Dietmar Vogel: einen weißen Wartburg 353. Der Lack glänzt so makellos, wie Dietmars Hauptbuchhaltungsunterlagen in der Stadtverwaltung. Dietmar ist ein Mann der Zahlen, der exakten Spalten und der unumstößlichen Bilanzen. In seinem Leben gibt es keine Fehlbeträge und keine Überraschungen.

Wenn man ihn im Angelverein sieht, wie er stundenlang regungslos auf den Schwimmer starrt, oder wenn man das monotone Surren seiner Modelleisenbahn im Keller hört, weiß man: Dieser Mann ist der personifizierte Festland-Rhythmus. Um einundzwanzig Uhr werden die Hausschuhe parallel vor das Bett gestellt, die Frau bekommt einen funktionalen Kuss, und das Licht geht aus. Dietmar Vogel ist kein Mann der Leidenschaften, er ist ein Mann der korrekten Abwicklung.

Doch einmal in der Woche, immer dienstags, bricht Dietmar aus seinem eigenen System aus – zumindest ein kleines Stück weit.

Er lenkt den Wartburg weg von der sterilen Ordnung der P2-Plattenbauten, hinein in das alte Arbeiterviertel, wo der Ruß der Jahrzehnte noch in den Poren der Häuserwände klebt. Hier ist er aufgewachsen, zwischen Kohlenstaub und Hinterhöfen. Er parkt den Wagen vorsichtig, zwei Räder exakt auf der Bordsteinkante, und betritt die „Eckschänke zur alten Post“.

In der Kneipe riecht es nach einer Mischung aus „Karo“-Zigaretten, Bohnerwachs und dem schweren Dunst von Jahrzehnten Bratfett. Es ist laut, es ist verraucht, und die Luft ist so dick, dass man sie in Scheiben schneiden könnte. Doch sobald Dietmar den Raum betritt, grüßt der Wirt, der dicke Erwin, mit einem knappen Nicken. Man kennt sich, ohne sich nahe zu sein.

Dietmar setzt sich immer an denselben Tisch in der hinteren Ecke, unter das vergilbte Bild der Nationalmannschaft von 1974. Er braucht keine Karte.

„Das Übliche, Dietmar?“, fragt Erwin. „Das Übliche, Erwin. Und ein Radeberger.“

Wenige Minuten später steht sie vor ihm: die „Stille Sibylle“. Ein Gericht, das so eigenwillig ist wie die Zeit, in der sie leben. Ein kräftiges Makrelenfilet, silbrig glänzend, thront auf zwei Scheiben Brot. Daneben eine fächerartig aufgeschnittene Gewürzgurke aus dem Spreewald, ein goldgelber Klumpen Handkäse und ein hartgekochtes Ei, das oben geköpft und mit einem ordentlichen Klecks scharfem Senf garniert wurde.

Für Dietmar ist dies der heilige Gral seiner Woche. Er schiebt die Gabel beiseite. Die „Stille Sibylle“ isst man mit den Händen, rustikal, fast archaisch. Aber der eigentliche Grund, warum er diese sechs Kilometer Fahrt aus der Komfortzone auf sich nimmt, ist das Fundament: das Brot.

In der Eckschänke wird das Brot noch selbst gebacken, nach einem Rezept von Erwins Großvater. Es ist kein aufgeblasenes Konsum-Brot, sondern ein schweres, dunkles Sauerteigbrot mit einer Kruste, die so hart ist, dass man sie erkämpfen muss. Der Kern ist feucht und hat diese feine Säure, die perfekt mit dem fettigen Fisch und dem strengen Handkäse harmoniert.

Dietmar kaut langsam. In diesem Moment ist er nicht der Hauptbuchhalter, der über Soll und Haben wacht. Er ist Dietmar, der Junge aus der Hausnummer 12. Während er das Ei mit dem Senf zerdrückt und eine Olive (eine seltene Zuteilung des Wirts) dazustellt, spürt er eine seltene Zufriedenheit. Die Kombination aus der salzigen Makrele und dem scharfen Senf treibt ihm kurz die Röte ins Gesicht – der einzige Moment der Woche, in dem man ihn für einen Genussmenschen halten könnte.

Die Gäste um ihn herum poltern über die Arbeit im Kombinat, über die Ersatzteilnot für ihre Trabbis und über das anstehende Fußballspiel. Dietmar hört zu, sagt aber nichts. Er ist die „Stille“ in der „Stillen Sibylle“. Er genießt die Anonymität des Viertels, in dem er nicht der Mann mit dem weißen Wartburg sein muss, sondern einfach der Gast am Eckplatz sein darf.

Um 20:30 Uhr zahlt er passend. Kein Trinkgeld-Exzess, aber eine korrekte Aufrundung. Er tritt hinaus in die kühle Nachtluft der späten 70er Jahre. Der Wartburg springt sofort an – Dietmar pflegt die Zündkerzen wie seine Buchhaltung.

Punkt 21 Uhr stellt er die Hausschuhe vor das Bett. Seine Frau schläft schon halb. Er legt sich dazu, riecht noch ganz leicht nach Senf und Räucherfisch, und starrt einen Moment an die Decke. Er hat keine Witze erzählt, er hat keine Party gefeiert, und der Liebhaber in ihm wird auch heute Nacht keine Bäume ausreißen. Aber er hat die „Stille Sibylle“ gegessen. Und das selbstgebackene Brot war heute besonders gut.

Die Bilanz des Tages ist ausgeglichen. Dietmar Vogel schläft ein.

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