Es war ein gemütlicher Samstagabend im Frühjahr 1980. In der kleinen Neubauwohnung in Bitterfeld saß Tobias Frenzel am Küchentisch. Er war seit einigen Wochen zurück von der Drushba-Trasse, und die tiefen Risse in seinen Händen, die von der Kälte und der harten Schweißarbeit am Dnepr stammten, begannen langsam zu heilen.
Seine Frau Annegret hatte Abendbrot gemacht, doch Tobias starrte gedankenverloren auf sein Wurstbrot.
„Mensch Tobi, du bist immer noch halb an der Trasse, oder?“, fragte sie sanft und legte ihre Hand auf seine.
Tobias lächelte und schüttelte den Kopf. „Weißt du, Anne, ich hab in meinem Leben in so vielen Berliner Eckkneipen gesessen. Rund um den Alex, in Prenzlauer Berg – überall gab es die Sibylle. Ich dachte immer, ich wüsste, wie die schmecken muss. Aber die beste… die absolut beste Stille Sibylle meines Lebens, die gab es ausgerechnet bei minus 32 Grad in einer ukrainischen Baracke.“
Das Geheimnis der Mitternachts-Sibylle
Annegret hörte auf zu kauen. „In der Kälte? Wie kann denn da was schmecken?“
„Das ist es ja gerade“, sagte Tobias, und seine Augen begannen zu leuchten. „Lutz Hampel, mein alter Schulfreund, der wusste genau, was wir brauchen, als wir da halb erfroren aus dem Bus fielen. Er hat nicht einfach nur was hingeklatscht. Er hat das Gericht regelrecht zelebriert.“
Er beschrieb ihr die Details, die diesen Moment für ihn unvergesslich machten:
- Das Brot: „In der Lagerbäckerei hatten sie gerade erst den Ofen ausgemacht. Das russische Schwarzbrot war noch so frisch gebacken, dass es fast noch atmete. Die Kruste war so kräftig, dass man richtig zubeißen musste – das hat einen sofort geerdet.“
- Der Fisch: „Die Makrele war nicht son oller, trockener Lappen aus der Dose. Die war frisch gefangen und im schuleigenen Ofen der sowjetischen Kollegen über Erlenholz geräuchert worden. Das Fleisch war saftig, ölig und hatte noch den vollen Rauchgeschmack.“
- Das Ei: „Das war der Clou! In jeder Kneipe kriegst du das Ei eiskalt aus dem Kühlschrank. Aber Lutz hatte sie erst vor fünf Minuten aus dem Wasser geholt. Das Ei war noch richtig heiß! Wenn du das auf den kalten Fisch gedrückt hast, ist das Eigelb fast wie eine Soße über das Brot gelaufen.“
- Der Senf: „Und dann der Senf… Lutz hatte russischen Senf mit Bautz’ner gemischt. Der war so scharf, dass er dir die Tränen in die Augen getrieben und die Nebenhöhlen freigeblasen hat. Nach dem ersten Bissen war mir wärmer als nach zwei Gläsern Wodka.“
Ein Moment für die Ewigkeit
Tobias lehnte sich zurück. „Wir saßen da in dieser winzigen Küche, der Samowar hat gezischt, draußen hat der Wind gegen das Blech gepeitscht, und wir haben einfach nur gegessen. Keiner hat ein Wort gesagt. Das war die wahre ‚Stille Sibylle‘. Die hat uns nicht nur satt gemacht, die hat uns wieder lebendig gemacht.“
Annegret lächelte. „Dann war das wohl dein persönlicher Orden für den Trasseneinsatz.“
„So kann man es sagen“, nickte Tobias. „Wenn ich heute an einer Eckkneipe vorbeigehe, muss ich immer an Lutz und diesen Moment denken. Es ist eben nicht nur Fisch auf Brot. Es ist das Wissen, dass dich jemand erwartet, wenn es draußen ungemütlich wird.“
Er nahm ein Stück von seinem Bitterfelder Brot und strich sich eine dicke Schicht Senf darauf. Es war nicht ganz die Trassen-Sibylle, aber die Erinnerung daran machte es zum besten Abendbrot der Woche.


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