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Geschichte 29: 1988 – Die Interkosmos Sibylle

Baikonur, Frühjahr 1988. In der kasachischen Steppe flirrte die Luft, während die mächtige Sojus-Rakete auf der Startrampe stand. In ihrem Frachtraum, verstaut in der Sektion für „Sonderverpflegung zur moralischen Stärkung“, befand sich ein Experiment, das die Geschichte der Raumfahrt verändern sollte: Projekt „Interkosmos-Sibylle“.

Dr. Hans-Peter Wohlfahrt hatte Monate in den Laboren des Instituts für Ernährungsforschung verbracht, um das Unmögliche möglich zu machen: Eine Stille Sibylle, die den Gesetzen der Schwerelosigkeit trotzte.

Das technische Problem: Krümelgefahr

„Genossen“, hatte der sowjetische Chef-Ingenieur bei der Abnahme gewarnt, „Brot im Weltall ist wie eine Splitterbombe. Ein Krümel in der Lüftung und die Raumstation Mir wird zum Feuerwerk!“

Doch Hans-Peter hatte die Lösung. Er entwickelte die „Stille Sibylle MS-88“ (Modular System):

  • Das Brot: Ein hochkomprimiertes, porenfreies Schwarzbrot-Konzentrat, geschnitten in exakte 2×2 Zentimeter große Würfel, überzogen mit einem essbaren, unsichtbaren Schutzfilm aus Algenstärke. Null Krümel, 100 % Biss.
  • Die Paste: In einer speziellen Aluminiumtube mit der Aufschrift „Spezialcreme – Marin-Aromat“ befand sich eine Emulsion aus feinster geräucherter Makrele, püriertem Handkäse und einem Hauch Bautz’ner Senf.
  • Das Ei: Vakuumierte, sphärische Eigelb-Kapseln, die im Mund zerplatzen wie kulinarisches Gold.

Schwereloser Genuss über den Wolken

An Bord der Raumstation Mir schwebte der sowjetische Kosmonaut Anatoli neben seinem deutschen Kollegen. Sie hatten seit Wochen nur Brei aus Tuben gegessen, der nach nichts schmeckte außer nach Chemie und Heimweh.

„Anatoli, heute ist Feiertag“, sagte der deutsche Kosmonaut und holte die versiegelte Box mit dem Interkosmos-Logo hervor.

Er drückte vorsichtig auf die Tube. Ein Streifen der graubraunen Fisch-Käse-Paste schwebte als perfekte Locke aus der Öffnung. Mit einer Pinzette setzte er einen der schwarzen Brotwürfel darauf und krönte das Ganze mit einer Eigelb-Kapsel.

Das Wunder der Stille im Vakuum

Die beiden Männer schwebten vor dem Bullauge. Unter ihnen drehte sich die Erde – blau, friedlich und ohne sichtbare Grenzen. Sie schoben sich die „Space-Sibylle“ gleichzeitig in den Mund.

Es war ein Moment der absoluten Transzendenz. Der rauchige Geschmack der Makrele explodierte in der Schwerelosigkeit, die Schärfe des Senfs kitzelte die Sinne, und das vertraute Aroma des dunklen Brotes schlug eine Brücke über 400 Kilometer Vakuum direkt zurück in die Heimat.

Anatoli schloss die Augen. „Vania… das schmeckt nicht nach Weltraum. Das schmeckt nach… Menschheit.“

Die universale Botschaft

Das Experiment war ein voller Erfolg. Hans-Peter Wohlfahrt erhielt im Kontrollzentrum in Moskau die Bestätigung per Funk:

„Hier Mir. Sibylle-Modul erfolgreich integriert. Keine Krümelbildung. Moral der Besatzung sprunghaft angestiegen. Anatoli fragt, ob wir die nächste Ladung mit Ljutenica-Zusatz schicken können.“

Wieder einmal bewies sich: Die Stille Sibylle war das ultimative Friedensinstrument. Ob in der Berliner Eckkneipe, im bulgarischen Lada, im Interflug-Jet oder in der Erdumlaufbahn – sie funktionierte überall.

Warum? Weil sie keine Vorurteile kannte. Sie war koscher, sie war halal, sie war nährstoffreich und sie war vor allem eines: ehrlich. In einer Welt (und einem Weltall) voller komplizierter Ideologien war sie das handfeste Fundament, auf dem man stehen (oder schweben) konnte.

Epilog

Als die Kosmonauten Monate später wieder auf der Erde landeten und aus der Kapsel gehievt wurden, fragte ein Reporter: „Was war das Erste, woran Sie gedacht haben, als Sie die Sterne sahen?“

Anatoli sah den Reporter an, wischte sich ein wenig Staub vom Raumanzug und sagte: „Ich dachte an eine Makrele auf dunklem Brot. Wenn die ganze Welt nur einmal am Tag eine Stille Sibylle essen würde, hätten wir keine Zeit mehr für Krieg. Wir wären viel zu sehr mit Kauen beschäftigt.“

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