Ukraine, am Ufer des Dnepr. Der Januar 1979 zeigte sich von seiner unbarmherzigsten Seite. Das Thermometer am Eingang des Wohnlagers der Trassenbauer war bei minus 32 Grad eingefroren. Der Wind fegte ungehindert über die weite Steppe und verwandelte jede kleinste Ritze in den Wohncontainern in eine Einflugschneise für klirrende Kälte.
Tobias Frenzel, ein erfahrener Industrieschweißer, saß mit eingezogenem Kopf im dunklen Inneren des Ikarus-Busses. Der Motor war vor vier Stunden mit einem metallischen Seufzen verreckt – eine eingefrorene Kraftstoffleitung. Vier Stunden Warten in der eisigen Stille, während der Atem an den Scheiben zu dicken Eisblumen gefror. Die Männer seiner Brigade schwiegen, die Kälte war zu tief in ihre Knochen gekrochen, um noch Platz für Worte zu lassen.
Die Ankunft im Geisterlager
Es war kurz nach Mitternacht, als der Ersatzbus die Männer endlich im Basislager absetzte. Die Schweißer taumelten wie Schatten aus dem Fahrzeug, die Gesichter starr, die Gliedmaßen steif. Tobias dachte nur an seinen Schlafsack, doch als er am Kantinengebäude vorbeiging, sah er ein einsames Licht im Fenster der Personalküche brennen.
Die Tür flog auf und ein Schwall warmer, dampfender Luft schlug ihm entgegen.
„Frenzel! Du alter Hund! Ick dachte schon, ihr seid zu Eiszapfen erstarrt!“, dröhnte eine vertraute Stimme.
Dort stand Lutz Hampel, der Schichtleiter der Kantine. Lutz und Tobias kannten sich seit der ersten Klasse in Bitterfeld. Sie hatten zusammen im Dreck gespielt, zusammen gelernt und nun schufteten sie gemeinsam tausende Kilometer von der Heimat entfernt an der „Trasse der Freundschaft“.
Wärme aus dem Samowar
Lutz packte Tobias am Arm und zog ihn in die Küche. „Komm rein, die anderen ooch! Marsch, marsch!“
In der kleinen Personalküche herrschte eine fast sakrale Atmosphäre. Auf dem Tisch thronte ein mächtiger, zischender Samowar, aus dessen Hahn tiefschwarzer, heißer Tee in Gläser floss. Der Duft von Kräutern und Wärme wirkte auf die Schweißer wie ein Wunder.
„Zuerst der Tee, um de Pumpe wieder anzuschmeißen“, sagte Lutz und stellte Tobias ein Glas hin. „Und dann… ick wusste ja, dass ihr Hunger habt wie de Wölfe.“
Die Sibylle im Exil
Auf der Anrichte standen mehrere Holzbrettchen bereit. Lutz hatte sie vorbereitet, als er vom Defekt des Busses hörte. Es war die Stille Sibylle, aber hier am Dnepr hatte sie eine ganz besondere Bedeutung.
Das Brot war das schwere, fast schwarze russische Roggenbrot – kräftig, feucht und nahrhaft. Die Makrelen stammten aus den Vorräten der sowjetischen Partner, tief im Erlenrauch veredelt. Die Eier waren hartgekocht, der Senf extra scharf, um die Lebensgeister zu wecken.
„Hier, beiß rein“, sagte Lutz leise zu seinem Schulfreund. „Det is wie damals in Bitterfeld in de Eckkneipe, nur mit mehr Frostschutz im Blut.“
Tobias nahm das Brot in seine zitternden Hände. Der erste Bissen war eine Offenbarung. Die Salzigkeit des Fisches, die Schärfe des Senfs und die Schwere des Brotes gaben ihm das Gefühl, nicht mehr am Ende der Welt zu sein. Die Kälte, die vier Stunden lang versucht hatte, seinen Willen zu brechen, zog sich langsam zurück.
Ein Stück Heimat in der Fremde
„Lutz“, murmelte Tobias mit vollem Mund, „du glaubst jarnich, wie jut det schmeckt. Ick dachte vorhin echt, det war’s.“
Lutz klopfte ihm auf die Schulter. „Nee, Frenzel. Solange ick hier de Kelle schwinge, jethier keener ohne ne Sibylle ins Bett. Det hält de Seele zusammen, wenn draußen de Welt einfriert.“
Die Männer saßen noch eine halbe Stunde in der warmen Küche. Das Schweigen war nun ein anderes – es war die Stille des Genießens, die Ruhe nach dem Sturm. Die Stille Sibylle hatte ihren Namen wieder einmal alle Ehre gemacht: Sie hatte für Ordnung im Chaos gesorgt und den Männern die Kraft gegeben, am nächsten Morgen wieder an die Rohre zu treten und die Schweißnähte für die Ewigkeit zu ziehen.
Als Tobias schließlich in seinen Wohncontainer stapfte, fühlte er eine wohlige Wärme in seinem Magen. Draußen heulte der Wind, aber in ihm brannte das Feuer von Bitterfeld, genährt durch ein Stück Fisch, ein Ei und die unerschütterliche Freundschaft eines alten Schulkameraden.


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