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Geschichte 24: Das geheimnisvolle Paket aus Sofia

Es war ein grauer Vormittag im September 1980, als der Postzusteller seinen gelben Wagen vor Rolf Wagners Werkstatt in Plauen stoppte. Er schleppte ein ungewöhnlich schweres, mit Paketkordel und Siegelwachs gesichertes Paket herein. Die Briefmarken zeigten kyrillische Schriftzüge und bunte Motive, die so gar nicht nach der gewohnten DDR-Post aussah.

„Mensch Rolf, hast du jetzt Außenhandelsbeziehungen?“, frotzelte der Postbote. „Das kommt ja direkt aus Sofia!“

Rolf stutzte, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er holte sein Universalmesser aus der Latzhose und öffnete vorsichtig den Karton. Sofort strömte ihm ein Geruch entgegen, der die ölige Werkstattluft für einen Moment verdrängte: ein Duft von reifen Paprika, Knoblauch und der Wärme des Südens.


Der Gruß aus dem Balkan

In dem Paket lag ein zerknitterter Brief, geschrieben in einer Mischung aus Russisch und gebrochenem Deutsch:

„Gospodin Rolf! Mein Freund in Plauen. Auto läuft immer noch wie Biene. Frau in Rostock war sehr froh. Wir oft denken an Brot und Fisch unter Kastanie. Hier kleine Gruß aus meine Heimat. Spasibo!“ – Stojan

Rolf packte die Schätze aus, während seine Kollegen neugierig ihre Köpfe zusammensteckten:

  • Drei große Gläser Ljutenica: Das bulgarische Pendant zum Ajvar, aber viel reichhaltiger. Ein tiefroter, würziger Aufstrich aus gerösteten Paprika, Tomaten und Auberginen.
  • Eine Tüte „Tschubriza“: Echtes bulgarisches Bohnenkraut, das so intensiv roch, dass man sofort Hunger bekam.
  • Zwei Flaschen schwerer, dunkler Rotwein: Echter Mavrud aus der Gegend von Plowdiw.
  • Ein Beutel mit handgemahlenem Paprikapulver: So rot und leuchtend, dass es neben dem DDR-Standardgewürz fast wie ein Juwel wirkte.

Die Geburtsstunde der „Bulgarischen Sibylle“

Am selben Abend, es war wieder Dienstag, konnte Rolf nicht anders. Er hatte noch ein Stück von dem guten, dunklen Plauener Brot übrig. Er bereitete die Stille Sibylle vor, doch diesmal wich er vom strengen Protokoll ab.

Anstatt nur den scharfen Senf auf das Ei zu geben, strich er eine zentimeterdicke Schicht von Stojans Ljutenica direkt auf das Brot, bevor er das Makrelenfilet und den Handkäse darauf schichtete. Er bestreute das Ganze mit einer Prise des bulgarischen Paprikapulvers.

Er setzte sich auf seinen Freisitz unter der Kastanie, entkorkte den schweren Wein und biss hinein.

Das Ergebnis war eine Geschmacksexplosion: Die Säure der Ljutenica verband sich perfekt mit der Fettigkeit der Makrele. Das rauchige Paprika-Aroma hob den Handkäse auf ein völlig neues Niveau. Es war, als hätte die sächsische Bodenständigkeit geheiratet – und zwar eine feurige Braut vom Balkan.


Ein Denkmal für die Gastfreundschaft

Rolf lachte in die Abenddämmerung hinein. Er dachte an den aufgelösten Stojan, der hier vor einem Jahr noch wie ein aufgescheuchtes Huhn herumgerannt war. Die Stille Sibylle hatte ihn damals beruhigt, und heute revanchierte er sich mit den besten Zutaten seines Landes.

„Völkerverständigung“, murmelte Rolf und hob sein Glas Rotwein in Richtung Süden. „Das Ministerium kann seine Standard-Vorgaben behalten. Die besten Rezepte schreibt das Leben – und der Lada-Fahrer, der im Vogtland liegenbleibt.“

Am nächsten Tag brachte Rolf ein Glas der Ljutenica mit in die Werkstatt. Jeder Kollege durfte mal probieren, natürlich standesgemäß auf einer kleinen Schnitte mit Fisch. Von diesem Tag an war Rolfs Werkstatt in Plauen berühmt-berüchtigt: Wer dort sein Auto reparieren ließ, hoffte heimlich auf eine Panne, die lange genug dauerte, um vielleicht ein Stück von der „Stojans-Sibylle“ abzubekommen.

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