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Geschichte 23: Ein neuer Fotokalender für die Stille Sibylle

Es war ein strahlender Vormittag im Mai 1981, als der beigefarbene Lada 1500 von Frank Wohlfahrt auf den Werkstatthof in Plauen rollte. Frank stieg aus, rückte seine Brille zurecht und suchte den Mann, den er sonst nur in Badehose und mit einer Angel in der Hand kannte.

„Na, du alter Küstenbaron!“, rief Frank über das Röhren eines laufenden Motors hinweg. „Hast du den Dieselgestank endlich mal gegen ein bisschen frische Luft getauscht, oder klebst du immer noch an den Zylinderköpfen fest?“

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Rolf Wagner tauchte unter der Hebebühne eines Trabbis auf, wischte sich die öligen Hände an einem Putzlappen ab und fing an zu strahlen. „Frank! Dass du dich in diese abgelegene Ecke der Republik verirrst! Hast du dich verfahren oder ist dein weißer Stolz aus Togliatti am Ende?“

Die beiden Männer fielen sich in die Arme. Sie waren „Camping-Brüder“. Seit Jahren besetzten sie im Juli benachbarte Parzellen auf dem Zeltplatz in Zingst an der Ostsee. Während Frank dort die Lichtverhältnisse für seine Brandungsfotos analysierte, war Rolf der Mann, der jedem auf dem Platz den Gaskocher oder den Außenborder reparierte. Ihre Freundschaft war bei unzähligen Flaschen Radeberger im Schein einer Sturmlaterne geschmiedet worden.


Fachsimpelei am Motorblock

„Ich bin auf Tour durch den Bezirk Karl-Marx-Stadt“, erklärte Frank, während Rolf routiniert den Ölstab des Ladas zog. „Aber eigentlich wollte ich nur mal sehen, ob du noch lebst. Und mein Getriebe macht im vierten Gang so ein singendes Geräusch – fast wie unser Frauenchor in Zingst nach dem zweiten Küstennebel.“

Rolf lachte. „Stell ihn auf die Grube. Das singen wir dem Getriebe schon aus. Aber vorher… Frank, du kommst wie gerufen. Ich hab da was, das deine ganze statistische Erfassung der Zwischenmahlzeiten über den Haufen werfen wird.“

Frank horchte auf. „Du meinst eine Sibylle? Rolf, ich muss dir sagen, das Ministerium hat die Version 4b auf Weißbrot durchgedrückt. Es ist eine Katastrophe. Ich bin kurz davor, meine Praktica an den Nagel zu hängen.“

„Vergiss das Ministerium“, sagte Rolf geheimnisvoll. „Komm mit hinter die Werkstatt. Ich hab da eine ‚Import-Variante‘.“


Die Fusion von Plauen und Sofia

Rolf führte Frank an den legendären Freisitz unter der Kastanie. Er holte das Paket aus Bulgarien hervor, das inzwischen seinen Ehrenplatz in der Werkstattküche hatte. Frank beobachtete mit Argusaugen, wie Rolf das schwere, dunkle Plauener Brot schnitt.

„Pass auf, Frank“, dozierte Rolf. „Basis: Wie gehabt. Dunkles Brot, ordentlich Kruste. Aber jetzt kommt der Clou.“

Er öffnete das Glas mit der feuerroten Ljutenica. Mit einem Messer strich er eine dicke, würzige Schicht auf das Brot. Darauf bettete er das Makrelenfilet, den Handkäse und das Ei. Zum Abschluss streute er das leuchtende bulgarische Paprikapulver darüber.

Frank starrte auf das Brettchen. Er griff instinktiv nach seiner Praktica, die er immer um den Hals hängen hatte. Klick. Das Motiv für den „Sonderkalender“.

„Was ist das für eine rote Paste?“, fragte Frank skeptisch. „Das ist Ljutenica, direkt aus Sofia. Ein Geschenk von einem Lada-Fahrer, dem ich hier die Ehre der sowjetischen Automobilkunst gerettet habe. Beiß rein, Frank. Aber sei vorsichtig – das ist kein Kantinenfraß.“


Ein neuer Horizont für den Koordinator

Frank nahm die „Bulgarische Sibylle“ in beide Hände. Er biss hinein. Die Kombination aus der sächsischen Brotschwere, der mediterranen Süße der Paprika, dem Rauch des Fischs und der Schärfe des Senfs traf ihn wie ein Schlag.

Er kaute langsam. Er schloss die Augen. „Rolf…“, murmelte er schließlich. „Das ist… das ist keine Zwischenmahlzeit. Das ist eine politische Ansage. Das ist der Warschauer Pakt auf einem Brettchen, aber in der besten aller Welten.“

Er nahm einen Schluck aus der Thermoskanne und sah seinen Freund an. „Wenn ich das in Berlin präsentiere, halten sie mich für einen Staatsfeind oder für ein Genie. Diese Ljutenica… sie füllt die Lücken, die das Weißbrot gerissen hat.“

„Siehst du“, grinste Rolf. „In Zingst haben wir immer gesagt: Die Mischung macht’s. Ein bisschen Salz von der Ostsee, ein bisschen Fett aus der Werkstatt und ein bisschen Feuer aus dem Süden.“

Das geheime Abkommen

Frank holte seinen Notizblock heraus. „Rolf, schreib mir das genau auf. Ich werde eine private Eingabe machen – aber nicht ans Ministerium. Ich schicke das direkt an meine Kontakte in der Lebensmittelindustrie unter dem Siegel ‚Experimentelle Völkerverständigung‘. Wir brauchen dieses Paprikazeug in den Läden!“

Sie saßen noch lange unter der Kastanie. Das Getriebe des Ladas war längst vergessen – es stellte sich später heraus, dass nur eine Schraube am Hitzeschutzblech vibrierte.

Als Frank am Nachmittag wieder Richtung Dresden aufbrach, hatte er ein kleines Glas Ljutenica auf dem Beifahrersitz stehen, das Rolf ihm mitgegeben hatte. Er fühlte sich nicht mehr wie ein müder Koordinator der Mangelwirtschaft. Er fühlte sich wie ein Entdecker.

In seinem Kopf stand der Titel für den nächsten Fotokalender bereits fest: „Die Stille Sibylle – Grenzenlose Genüsse“.

Und er wusste schon jetzt: Wenn er dieses Jahr im Juli in Zingst sein Zelt aufschlug, würde er nicht nur Radeberger dabei haben, sondern ein Glas rote Magie aus Bulgarien. Die Bilanz der Freundschaft zwischen Plauen und der Küste war so solide wie das Brot unter der Makrele.

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