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Geschichte 22: Die Stille Sibylle auf großer Fahrt

Berlin, Ende 1981. In der Zentrale der Mitropa, direkt am Bahnhof Friedrichstraße, herrschte dicke Luft. Die Kosten für die Warmverpflegung in den Speisewagen der Deutschen Reichsbahn liefen aus dem Ruder. Personalmangel in den Bordküchen, hoher Energieverbrauch für die Elektroherde und der Schwund bei gefrorenen Fleischportionen setzten die Planvorgaben unter Druck.

Genau in diese angespannte Lage platzte Frank Wohlfahrt mit seiner Aktentasche und seiner Praktica. Er hatte einen Termin beim Oberreferenten für „Bordservice und rationelle Verpflegung“.

Das Plädoyer für die „Rollende Sibylle“

„Genossen“, begann Frank und legte seine neuesten Fotografien auf den massiven Eichentisch. „Wir brauchen keine komplizierten Drei-Gänge-Menüs, die im rüttelnden Schnellzug ohnehin nur auf die Hose des Reisenden kippen. Wir brauchen die ‚Stille Sibylle – Variante Balkan‘.“

Er hatte die Argumente akribisch wie ein Hauptbuchhalter vorbereitet:

  • Kosteneffizienz: Kein Aufheizen von Öfen nötig. Die Makrele ist ein heimisches Erzeugnis der Hochseefischerei, Eier und Senf sind preiswerte Massenware.
  • Rationalisierung: Die Zubereitung dauert exakt 90 Sekunden. Ein einzelner Mitropa-Mitarbeiter kann das Gericht auf kleinstem Raum anrichten.
  • Haltbarkeit: Alle Zutaten sind hervorragend lagerfähig, auch ohne dauerhafte Tiefkühlung.
  • Nährwert: Die ideale Mischung für den Reisenden – sättigend, aber kein „Fresskoma“, damit man beim Umsteigen in Berlin-Lichtenberg nicht den Anschluss verpasst.

Die Geheimwaffe: Das rote Gold

Der Oberreferent betrachtete skeptisch das Glas Ljutenica, das Frank aus Plauen mitgebracht hatte. „Wohlfahrt, das Zeug kommt aus Bulgarien. Das ist Importware.“

„Genosse Referent“, entgegnete Frank siegessicher, „das ist Import innerhalb des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe). Wir tauschen das gegen Landmaschinenbauteile aus meinem Kombinat. Das kostet uns keine einzige West-Mark! Und dieses Paprikamark ersetzt den teuren, oft knapp werdenden West-Ketchup und gibt dem Ganzen eine Note, die der Reisende als ‚internationales Flair‘ wahrnimmt.“

Der Referent probierte eine kleine Probe auf einem Stück Brot. Die Würze der Ljutenica in Kombination mit dem rauchigen Fisch überzeugte ihn sofort. „Es hat… Substanz. Und es schmeckt nach mehr als nur Arbeit.“

Der Feldversuch auf Schienen

Nach zwei Stunden hitziger Debatte fiel die Entscheidung: Die Deutsche Reichsbahn würde die „Stille Sibylle“ in einem dreimonatigen Testlauf einführen. Als Teststrecken wurden die prestigeträchtigen Städteexpress-Züge ausgewählt, die morgens die Bezirksstädte mit Berlin verbanden.

Schon wenige Wochen später hingen in den Speisewagen der Züge „Elstertal“ (Gera–Berlin) und „Stoltera“ (Rostock–Berlin) neue, handgeschriebene Schilder an den Wänden:

„Heute im Angebot: Der Mitropa-Snack ‚Stille Sibylle‘ – kräftiges Mischbrot, geräuchertes Makrelenfilet, Ei und pikante Paprikawürze. Nur 2,85 Mark.“

Frank als verdeckter Ermittler

Frank ließ es sich nicht nehmen, den ersten Testzug von Dresden nach Berlin persönlich zu begleiten. Er saß incognito in einer Ecke des Speisewagens, seine Kamera schussbereit in der Tasche.

An einem Nachbartisch saß ein müder Monteur, der gerade von einer Montage aus dem Chemiewerk zurückkam. Er bestellte die Sibylle. Als das Brettchen kam – auf dem ehrlichen, dunklen Brot, das Frank so wichtig war – sah Frank, wie der Mann erst stutzte, dann die rote Ljutenica-Schicht bemerkte und schließlich herzhaft biss.

Ein zufriedenes Brummen drang an Franks Ohr. Der Monteur rief den Kellner: „Sagen Sie mal, was ist denn das Rote da drauf? Das schmeckt ja wie Urlaub am Goldstrand!“

„Das ist unsere neue Spezialwürze, guter Mann“, antwortete der Kellner stolz. „Standardvorgabe der Reichsbahn.“

Frank grinste in sich hinein. Er holte seine Praktica raus und fotografierte den Monteur mit der Sibylle in der Hand, während draußen die märkische Heide am Fenster vorbeizog. Klick. Das perfekte Motiv für den Dezember.

Das Resultat

Der Testlauf war ein voller Erfolg. Die „Stille Sibylle“ wurde zum Renner in den Schnellzügen. Sie war preiswert für den Staat und nahrhaft für das Volk. In den Berichten des Ministeriums hieß es später: „Die Einführung der Zwischenmahlzeit 4b (Variante Ljutenica) hat zu einer signifikanten Steigerung der Gästezufriedenheit bei gleichzeitiger Senkung der Energiekosten geführt.“

Frank Wohlfahrt wusste jedoch: Der eigentliche Sieg war nicht die Statistik. Es war das Wissen, dass dank einer kleinen Panne in Plauen und einer Prise bulgarischem Feuer das ehrlichste Gericht der DDR nun mit 120 km/h durch das Land rollte.

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