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Geschichte 21: Das kuriose Jubiläum des missglückten Laborexperiments

Das Jahr 1988 neigte sich dem Ende zu, und im VEB Chemiewerk „Weiße Elster“ herrschte eine feierliche, wenn auch leicht angespannte Stimmung. Es war der Tag von Manuela Wagners zehntem Dienstjubiläum. Doch sie war längst nicht mehr das schüchterne Mädchen mit den Zöpfen, das vor Scham auf der Treppe weinte. Aus der jungen Laborantin war die „Genossin Dr. Wagner“ geworden, die Leiterin der Forschungsabteilung Analytik.

Ihr Haar trug sie nun meist hochgesteckt, praktisch und professionell, doch ihr Blick war so wach geblieben wie am ersten Tag. Zu ihrer Jubiläumsfeier im großen Speiseraum der Kantine waren sie alle gekommen: die Werksleitung, die alten Kollegen aus dem Labor 3 und natürlich ihre aktuelle Brigade.

Nachdem der Werkleiter eine etwas hölzerne Rede über Planerfüllung und den „sozialistischen Beitrag zur Chemieindustrie“ gehalten hatte, trat Manuela ans Mikrophon.

Die Rede der „Brandmeisterin“

„Werte Kollegen, Freunde“, begann sie und ein schelmisches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Vielen Dank für die Blumen und die Urkunden. Aber wir alle wissen, dass meine Karriere hier fast geendet hätte, bevor die erste Lohnabrechnung da war. Erinnert sich noch jemand an den schwarzen Fleck an der Decke von Labor 3?“

Ein herzliches Lachen ging durch den Saal. Die Geschichte von Manuelas Stichflamme am zweiten Arbeitstag gehörte längst zum festen Legendenbestand des Werkes.

„Ich saß damals auf der Treppe und wollte am liebsten im Erdboden versinken“, fuhr sie fort. „Und ich hätte vielleicht aufgegeben, wenn nicht jemand gekommen wäre, der verstanden hat, dass man nach einer Explosion kein Protokoll braucht, sondern ein Fundament.“

Sie gab ein Zeichen in Richtung der Durchreiche zur Küche.

Brunos großer Auftritt

Dort erschien Bruno. Er war sichtlich gealtert, sein Haar war nun schneeweiß, aber die Schürze saß immer noch so straff über seinem mächtigen Bauch wie eh und je. Er schob einen großen Servierwagen in den Saal, der mit Dutzenden von rustikalen Holzbrettchen beladen war.

„Heute gibt es keine Kaviar-Häppchen und keinen teuren Käseigel“, verkündete Manuela. „Heute gibt es das Gericht, das mir vor zehn Jahren das berufliche Leben gerettet hat. Bruno, walte deines Amtes!“

Auf jedem Brettchen lag eine Stille Sibylle. Bruno hatte sich selbst übertroffen: Das Brot war das schwere, dunkle Bauernbrot, das er heute Morgen extra früher beim Bäcker abgeholt hatte. Die Makrelenfilets glänzten wie poliertes Silber, und der Senf war so kunstvoll auf den Eihälften platziert, als wäre er im Labor exakt pipettiert worden. Sogar der Handkäse fehlte nicht – würzig und kräftig.

Ein Moment der Demut

Manuela nahm sich das erste Brettchen und ging direkt auf Bruno zu. Vor den Augen der versammelten Belegschaft und der Werksleitung reichte sie dem alten Kantinenchef die Hand.

„Danke, Bruno. Ohne deine Sibylle wäre ich heute nicht hier.“

Bruno, der normalerweise nie um einen Spruch verlegen war, wurde ein wenig rot im Gesicht. Er räusperte sich und brummte: „War doch nur ’ne Makrele, Manuela. Aber schön zu sehen, dass die Kruste heute immer noch so hart ist wie damals dein Dickkopf.“

Die Stimmung im Saal änderte sich schlagartig. Die Distanz zwischen der „Frau Doktor“ und den Arbeitern an den Tischen schmolz dahin, als alle gleichzeitig in ihre Brote bissen. Das krachende Geräusch der Krusten und das gemeinsame Genießen des scharfen Senfs verbanden die Hierarchien zu einer Gemeinschaft.

Das Fazit einer Karriere

Während die Kollegen schmausten, stand Manuela einen Moment am Rand und beobachtete die Szene. Sie dachte an den Handelskoordinator Wohlfahrt, an den Schrauber Ricardo und an all die anderen, für die dieses einfache Gericht mehr war als nur Nahrung.

Die Stille Sibylle war für sie zum Symbol geworden: Man konnte im Labor noch so komplizierte Formeln berechnen oder als Chefin große Reden schwingen – am Ende des Tages kam es auf die ehrliche Basis an. Auf das Handwerk, den Respekt vor dem anderen und die Fähigkeit, nach einem Fehler wieder aufzustehen, solange man jemanden hatte, der einem ein gutes Brot reichte.

Als sie am Abend ihr Büro abschloss, roch der Flur der Forschungsabteilung ganz leicht nach Räucherfisch und Senf. Manuela Wagner lächelte. Die Bilanz ihrer ersten zehn Jahre war nicht nur in den Akten der Werksleitung perfekt – sie war auch im Herzen (und im Magen) absolut stimmig.

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