Karl-Marx-Stadt, im Juni 1986. Die Luft im Prüfungsraum 302 stand still, schwer vom Geruch von Tinte, Angstschweiß und der Hitze, die durch die großen Fenster drückte. Auf den Tischen lagen die aufgeschlagenen Facharbeiterbriefe, noch frisch gestempelt.
Beate Zimmermann stand am Fenster und blickte auf ihre Klasse. Aus dem „wilden Haufen“ von 1983 waren junge Männer geworden, deren Hände nun Spuren von Metallspänen und Schmieröl trugen. Die Verwandlung war fast so stabil wie die Gitterstrukturen der Metalle, die sie drei Jahre lang gepaukt hatten.
Die Stunde der Wahrheit
„So, Genossen Jung-Facharbeiter“, sagte Beate und rückte ihre Brille zurecht. „Die theoretische Prüfung ist ausgewertet. Die Ergebnisse sind… nun ja, statistisch gesehen gab es eine signifikante Entwicklung nach oben.“
Sie hielt einen besonderen Facharbeiterbrief in der Hand. „Aber einer von Ihnen hat in Werkstoffkunde ein Ergebnis erzielt, das so präzise ist wie eine geschliffene Passfeder. Dirk Müller, kommen Sie bitte nach vorn.“
Dirk – derselbe Junge, der am ersten Tag noch Lineale geworfen hatte – trat sichtlich verlegen vor. Er war nun der Klassenbeste. Beate Zimmermann griff unter das Pult und holte ein Päckchen hervor, das in sauberes Leinen eingeschlagen war.
Die Auszeichnung der Meisterklasse
„Am ersten Tag habe ich Ihnen gezeigt, dass man nur mit einer soliden Basis bestehen kann“, sagte sie feierlich. „Heute, an Ihrem letzten Tag, erhalten Sie das Original. Als Auszeichnung für herausragende Leistungen in der Werkstoffkunde des Alltags.“
Sie packte das Leinen aus. Auf einem neuen, handgefertigten Holzbrettchen lag sie: Die Stille Sibylle in der „Meister-Ausführung“.
Diesmal war es kein schnelles Pausenbrot. Beate hatte das Brot bei einem Bäcker im Erzgebirge besorgt – ein schweres, vier Pfund schweres Sauerteigbrot mit einer Kruste, die fast wie gehärteter Stahl wirkte. Die Makrele war ein Prachtexemplar, goldgelb geräuchert. Der Handkäse war perfekt gereift, und der Senf war diesmal mit einer Prise Meerrettich verfeinert, um die Sinne zu schärfen.
Ein Versprechen für die Zukunft
„Essen Sie, Müller“, sagte sie und lächelte fast mütterlich. „Sie haben bewiesen, dass Sie nicht nur die Zugfestigkeit von Baustahl berechnen können, sondern auch die nötige Ausdauer besitzen.“
Dirk nahm das Brettchen entgegen. Die ganze Klasse schaute zu. Es herrschte dieselbe ehrfürchtige Stille wie vor drei Jahren – doch diesmal war es nicht die Stille der Verunsicherung, sondern die des Respekts.
Bevor Dirk abbiss, schaute er auf die Tafel. Dort hatte Frau Zimmermann eine letzte Formel für die Werkstoffkunde hinterlassen, die nicht im Lehrbuch stand:
„Qualität ergibt sich aus Wissen plus Haltung, geteilt durch Eile“
„Frau Zimmermann?“, fragte Dirk mit belegter Stimme. „Wird es die Sibylle auch in den Betrieben geben, wo wir jetzt hinkommen?“
Beate Zimmermann nickte langsam. „Sie wird überall dort sein, wo Menschen arbeiten, die wissen, was gute Qualität wert ist. Und wenn es sie nicht gibt, dann sorgen Sie dafür, dass sie eingeführt wird. Sie wissen ja jetzt, wie man eine Eingabe schreibt.“
Dirk biss herzhaft in die Kruste. Das Geräusch war wie ein Schlussakkord unter drei Jahren harter Lehre. Während er kaute, wusste er: Er war nun selbst eine „Stille Sibylle“ – bodenständig, belastbar und mit einer ordentlichen Portion Schärfe im Charakter.
Als die Klasse wenig später unter Johlen und Schulterklopfen den Raum verließ, blieb Beate Zimmermann noch einen Moment allein zurück. Sie wischt die Tafel ab, nahm ihr leeres Brettchen und wusste: Dieser Werkstoff war gut. Er würde halten.


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