Bitterfeld, im Herbst 1980. Der Himmel über der Stadt hatte die Farbe von ungeputztem Aluminium, und die Luft schmeckte metallisch – eine Mischung aus Chemiepark-Abluft und feuchter Braunkohle. Frank Wohlfahrt parkte seinen treuen Lada vor dem Verwaltungsgebäude des Elektrochemischen Kombinats. Er war hier, um die Verteilung von neuen Landmaschinen-Bauteilen zu koordinieren, aber sein Magen knurrte im Rhythmus des Leerlaufs.
„Endlich mal wieder eine Kantine“, dachte er und erinnerte sich an das Versprechen des Ministeriums von vor drei Jahren. Die „Stille Sibylle“ sollte ja nun offiziell als „Standard-Zwischenmahlzeit 4b“ in die Speisepläne der Großbetriebe aufgenommen worden sein.
Die kulinarische Enttäuschung
Als Frank das Tablett in der riesigen, lärmenden Kantine entgegennahm, erstarrte er. Da lag sie, die offizielle Version des Ministeriums. Doch statt der kräftigen, dunklen Sauerteigkruste, die er in seinem Kalender so liebevoll porträtiert hatte, thronte das Makrelenfilet auf zwei labbrigen Scheiben Weißbrot.
Es sah blass aus. Es sah schwach aus. Es sah aus wie ein schlechter Scherz der Planwirtschaft.
Frank setzte sich an einen der langen Tische. Das Weißbrot war bereits durch das Öl der Makrele völlig aufgeweicht. Als er versuchte, die Sibylle anzuheben, bog sie sich wie eine nasse Zeitung. Der Sättigungsgrad war, wie Frank sofort berechnete, gleich null. Nach zwei Bissen würde man sich fühlen, als hätte man lediglich eine Wolke aus Mehl und Fischduft geatmet.
Stimmen aus der Produktion
Am Nachbartisch saßen drei Männer in blauen Arbeitsmännern, die Gesichter noch gezeichnet vom Schichtdienst am Schmelzofen. Einer von ihnen stocherte lustlos mit der Gabel in seinem Weißbrot herum.
„Sag mal, Erich“, brummte der eine, „was soll das sein? Wenn ich das esse, hab ich in einer Stunde wieder so’n Loch im Bauch, dass ich die Schaufel nicht mehr halten kann. Das ist doch kein Essen für Werktätige, das ist Diätkost für’s Lazarett!“
„Genau“, entgegnete der andere. „Früher in der Eckkneipe war das Brot so hart, da konntest du dir ’nen Nagel mit in die Wand schlagen. Das hat gehalten bis zum Feierabend. Aber das hier? Das ist Sabotage an der Planerfüllung!“
Frank musste unwillkürlich lachen. Die Männer sahen ihn fragend an. Plötzlich stutzte einer der Arbeiter, ein kräftiger Typ mit wachen Augen, und starrte Frank an.
„Mensch… Meister Wohlfahrt? Sind Sie das? Frank?“
Frank blinzelte. „Peter? Peter Neubauer? Mein bester Lehrling aus der Montage?“
Ein Treffen mit Folgen
Es war tatsächlich Peter, den Frank vor Jahren ausgebildet hatte. Er war jetzt Brigadier in Bitterfeld. Die Freude über das Wiedersehen war groß, doch das Thema kehrte schnell zum kläglichen Brettchen vor ihnen zurück.
„Frank, du warst doch immer der mit dem Blick für die Qualität“, sagte Peter und deutete auf das durchweichte Weißbrot. „Was haben die sich in Berlin dabei gedacht? Die behaupten, Weißbrot sei ‚moderner‘ und schneller verfügbar. Aber wir hier brauchen Substanz. Wenn die Basis nicht stimmt, wackelt das ganze Kombinat.“
Frank nickte grimmig. „Sie haben das Wesen der Sibylle nicht verstanden, Peter. Sie haben eine statistische Größe daraus gemacht, aber das Fundament vergessen. Ohne das selbstgebackene, dunkle Brot ist die Sibylle keine Sibylle mehr. Sie ist nur noch… Fisch auf Pappe.“
Die „Eingabe“ – Widerstand auf Papier
„Weißt du was, Frank?“, sagte Peter und ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Wir machen jetzt das, was man in diesem Land tun muss, wenn der Schuh drückt. Wir schreiben eine Eingabe.“
Frank lachte erst, aber dann sah er den Ernst in Peters Augen. In der DDR war die „Eingabe“ das offizielle Beschwerdewesen – ein Brief direkt an die Staatsmacht, den diese bearbeiten musste.
Noch in der Kantine, zwischen dem Klappern von Aluminiumbesteck und dem Dunst von Wurstsuppe, holte Frank seinen Notizblock heraus. Gemeinsam mit Peter und seinen Kollegen formulierten sie das Schreiben an das Ministerium für Handel und Versorgung.
„Werte Genossen, mit Sorge beobachten wir die Einführung der Standard-Zwischenmahlzeit 4b. Die Ersetzung des traditionellen Sauerteigbrotes durch Weißbrot gefährdet die Sättigung der Werktätigen und damit die Motivation zur Planerfüllung. Ein Schmelzer braucht Widerstand im Brot, keine Luftblasen. Wir fordern die Rückkehr zur echten handwerklichen Qualität – für das Wohl der Arbeiterklasse und den Erhalt unserer kulinarischen Identität.“
Frank unterschrieb als Handelskoordinator, Peter als Brigadier für sechzig Mann.
„Das wird einschlagen wie eine Kurbelwelle im Getriebe“, grinste Peter, als Frank den Brief in den Briefkasten am Werkstor warf.
Als Frank an diesem Abend in seinem Lada nach Hause fuhr, fühlte er sich besser als nach der Sitzung in Berlin. Er wusste, dass das Ministerium Briefe von Brigadieren aus Bitterfeld nicht einfach ignorieren konnte. Die „Stille Sibylle“ war für ihn mehr als nur ein Snack – sie war ein Symbol für das Recht auf etwas Echtes in einer Welt aus Planquadraten.
Und irgendwo im Hinterkopf plante Frank bereits seinen nächsten Kalender für 1981: „Die Rückkehr der Kruste“.


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