Berlin, im Frühjahr 1977. Die Luft in den Sitzungssälen des Ministeriums für Handel und Versorgung am Alexanderplatz war dick und roch nach einer Mischung aus Bohnerwachs, abgestandenem Filterkaffee und der Erwartungshaltung von fünfzig Handelskoordinatoren. Frank Wohlfahrt saß in der vierten Reihe, seine Aktentasche fest auf den Knien.
Es ging um die „Optimierung der Zwischenverpflegung in Kombinatskantinen“. Die Agenda war trocken: Kalorienvorgaben, Lieferketten für Bockwürste und die Haltbarkeit von abgepacktem Schmelzkäse. Doch als der Punkt „Neuerungsvorschläge aus den Bezirken“ aufgerufen wurde, öffnete Frank seine Tasche.
Er hatte seinen handgefertigten Kalender mit den zwölf Fotografien der „Stillen Sibylle“ dabei. Eigentlich war es ein privates Geschenk gewesen, doch die Kunde von der „kulinarischen Landkarte der Makrele“ hatte sich bis in die Berliner Etagen herumgesprochen.
Die Präsentation der Volks-Stulle
Frank trat nach vorn, stellte den Kalender auf das Rednerpult und blätterte ihn langsam um. Die Projektion der Fotos an der Wand – vergrößerte Aufnahmen von kräftigem Brot, glänzenden Fischfilets und scharfem Senf – wirkte im grauen Sitzungssaal wie eine Provokation von Lebensfreude.
„Genossen Koordinatoren“, begann Frank mit seiner ruhigen, sachlichen Stimme. „Wir suchen nach einer Lösung für die Werktätigen, die nahrhaft ist, aber nicht ermüdet. Wir suchen nach einem Gericht, das in Rostock genauso funktioniert wie in Suhl. Ich präsentiere Ihnen: Die Stille Sibylle.“
Ein Raunen ging durch den Saal. Ein Koordinator aus dem Bezirk Cottbus meldete sich zu Wort: „Wohlfahrt, das ist genial einfach. Makrele haben wir durch die Fangflotten in der Ostsee meist in guter Zuteilung. Eier sind stabil. Handkäse ist volkswirtschaftlich günstig zu produzieren. Und das Beste: Es muss nicht warmgehalten werden. Wir sparen Energie in den Kantinen.“
Die Debatte um die Standard-Sibylle
Plötzlich entwickelte sich eine Dynamik, die Frank so nicht erwartet hatte. Die „Stille Sibylle“ wurde zum Gegenstand einer wissenschaftlich-ideologischen Analyse.
Ein Ernährungsphysiologe der Charité, der als Berater geladen war, rückte seine Brille zurecht: „Vom Standpunkt der ausgewogenen Ernährung ist das Gericht exzellent. Wir haben das hochwertige Eiweiß des Fischs, die Vitamine der Gurke und die ballaststoffreiche Grundlage des Brotes. Der Senf regt die Verdauung an, ohne den Blutdruck in die Höhe zu treiben, wie es ein schweres Gulasch täte. Das ist die ideale Nahrung für den Schichtarbeiter am Hochofen oder den Feinmechaniker in Jena.“
Doch dann meldete sich der Vertreter aus Leipzig: „Alles schön und gut. Aber wie garantieren wir die Qualität des Brotes? Wohlfahrt schreibt hier ständig von ‚selbstgebackenem‘ Brot. Wir können in den Großkantinen der Leuna-Werke nicht anfangen, Brot im Holzofen zu backen. Wir brauchen eine Standardisierung.“
Das Schicksal liegt in der „Zentralinstanz“
Frank sah, wie die Fachleute begannen, das Gericht zu zerlegen. Es wurde über die Dicke der Gurkenscheiben debattiert und darüber, ob der Handkäse durch preiswerteren Quark ersetzt werden könnte (was Frank innerlich mit Schaudern quittierte).
Am Ende des Tisches saß ein Mann in einem dunkelblauen Anzug, der die ganze Zeit geschwiegen hatte: der Abteilungsleiter aus dem Ministerium. Er klappte seine Mappe zu, und augenblicklich wurde es still im Saal.
„Ein interessanter Vorstoß, Genosse Wohlfahrt“, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Die Stille Sibylle ist zweifellos ein Gericht mit hoher Akzeptanz in der Bevölkerung. Es ist ehrlich, es ist effizient und es ist – wie Sie so schön fotografiert haben – ästhetisch ansprechend.“
Er machte eine kurze Pause und sah in die Runde der Koordinatoren.
„Aber wir können eine solche Einführung nicht auf Bezirksebene entscheiden. Eine Umstellung der Kantinenpläne auf eine standardisierte Zwischenverpflegung hat Auswirkungen auf die gesamte Vorratsplanung der Republik. Wir müssen die Fischfangquoten abgleichen, die Eierproduktion in den LPGs hochfahren und eine einheitliche Rezeptur festlegen. Das kann nur an oberster Stelle entschieden werden.“
Er blickte Frank direkt an. „Ihr Kalender wird als Diskussionsgrundlage in die nächste Ministerratssitzung einfließen. Wir werden eine Arbeitsgruppe ‚Sibylle‘ bilden. Aber am Ende, Genosse Wohlfahrt, entscheidet das Ministerium. Und das Ministerium prüft gründlich.“
Das Fazit eines langen Tages
Frank packte seinen Kalender wieder ein. Er wusste, was „gründlich prüfen“ bedeutete. Es würde Jahre dauern, bis die Stille Sibylle durch alle Instanzen gewandert war, bis sie am Ende vielleicht als „Standard-Zwischenmahlzeit 4b“ auf einem Einheitsbrot in den Kantinen landen würde.
Als er später in seinen Lada stieg und Berlin in Richtung Süden verließ, hielt er an einer kleinen, unscheinbaren Autobahngaststätte bei Waltersdorf. Er setzte sich an einen wackeligen Tisch und bestellte – natürlich – eine Stille Sibylle.
Der Wirt brachte sie auf einem unebenen, dunklen Brot, das noch warm war. Die Makrele duftete herrlich, und der Senf war so scharf, dass Frank die Tränen in die Augen schossen. Er nahm seine Praktica und machte ein Foto. Klick.
„Sollen sie in Berlin nur planen“, dachte Frank und biss herzhaft in die Kruste. „Das hier kann man nicht standardisieren. Das hier ist echt.“
Während das Ministerium noch über die Kalorienwerte der Zukunft brütete, genoss Frank Wohlfahrt die Gegenwart. Und er wusste: Solange es kleine Wirte und selbstgebackenes Brot gab, würde die Stille Sibylle überleben – ganz ohne Stempel vom Ministerium.


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