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Geschichte 12: Frank Wohlfahrt im Aussendienst

Das Jahr 1976 war für Frank Wohlfahrt ein Jahr der Kilometer und der Kontraste. Als Handelskoordinator eines großen Kombinats für Landmaschinen war sein Arbeitsplatz ein beigefarbener Lada 1500, mit dem er unermüdlich zwischen Suhl, Schwerin und Frankfurt (Oder) pendelte. Frank war ein Mann der Effizienz. Sein Terminkalender war so dicht getaktet wie die Taktstraße in seinem Stammbetrieb, und genau deshalb mied er die schweren Mittagessen der großen HO-Gaststätten.

„Wer ein Schnitzel mit Rahmchampignons und Klößen isst, der schläft hinterm Steuer ein“, pflegte Frank zu sagen. „Und wer schläft, koordiniert nicht.“

Sein Geheimnis für die langen Etappen auf den Fernverkehrsstraßen war die „Stille Sibylle“. Dieser Snack war für ihn die ideale Fernfahrer-Nahrung: proteinreich durch den Fisch und das Ei, belebend durch den scharfen Senf und die saure Gurke, und sättigend, ohne den Magen zu beschweren. Doch Frank war nicht nur Koordinator, er war auch ein Ästhet des Alltags und begeisterter Hobbyfotograf. In seiner Aktentasche lag neben den Lieferprotokollen stets seine treue Praktica VLC2.

Im Laufe des Jahres 1976 entwickelte Frank eine regelrechte Leidenschaft: die Dokumentation der regionalen Unterschiede dieses einen Gerichts.

In einer kleinen Gaststätte im Thüringischen Schlotheim servierte man ihm die Sibylle auf einem fast schwarzen, schweren Pumpernickel-ähnlichen Brot, die Makrele war dort besonders kräftig geräuchert. Frank stellte sein Glas Bier beiseite, rückte den Teller ins rechte Licht des Fensters und drückte ab. Klick. Bild Nummer eins für den Januar.

Im Bezirk Neubrandenburg, in einer Ausflugsgaststätte am See, war die Sibylle eher filigran. Der Koch dort verwendete ein helleres Mischbrot, drapierte die Gurken jedoch zu einem perfekten Fächer und krönte das Ei mit einem Klecks hausgemachtem Kräutersenf. Klick. Das Motiv für den Mai.

Frank füllte im Laufe der Monate mehrere Filme. Er fotografierte die Sibylle in rauchigen Bahnhofsgaststätten, in feinen Weinstuben und in abgelegenen Dorfkneipen der Altmark. Er notierte sich die Unterschiede: Hier war der Handkäse noch mit Kümmel verfeinert, dort war die Makrele besonders ölig, und wieder woanders war das Brot so frisch, dass die Kruste beim Anschnitt fast explodierte.

Gegen Ende des Jahres, im grauen Novembernebel von 1976, saß Frank abends in seinem Arbeitszimmer und betrachtete die entwickelten Abzüge. Es war eine faszinierende Studie über die kulinarische Kreativität innerhalb eines vorgegebenen Standards. Jedes Bild erzählte eine Geschichte von einem anderen Ort, einer anderen Bedienung und einem anderen Bäcker.

Frank kam eine Idee. Er besorgte sich im Schreibwarenhandel festen Fotokarton und Letraset-Abreibebuchstaben. Mit der Präzision eines Handelskoordinators klebte er die besten zwölf Aufnahmen auf die Blätter.

Über dem Januar-Bild (die rustikale Variante aus dem Erzgebirge) prangte in sauberer Schrift: „Stille Sibylle – Kulinarische Reise durch unsere Bezirke“.

Das Dezember-Motiv war eine besonders festliche Version aus einer Dresdner Gastwirtschaft, bei der das Ei mit einer winzigen Kapernkrone verziert war.

Diesen handgefertigten Kalender für das Jahr 1977 schenkte er seinem Generaldirektor im Kombinat. Der alte Herr, der sonst nur für Exportzahlen und Planerfüllung übrig hatte, starrte lange auf die Bilder.

„Wohlfahrt“, sagte er schließlich und tippte auf das März-Blatt (eine Sibylle aus Halberstadt), „das ist ja… das ist ja fast schon Kunst. Man kriegt beim bloßen Hinsehen Appetit auf eine ordentliche Makrele.“

Frank Wohlfahrt lächelte. Er wusste, dass er etwas geschafft hatte, was keinem offiziellen Bericht gelang: Er hatte den Geschmack der Straße und die ehrliche Qualität der kleinen Küche in Bildern festgehalten.

Auch im nächsten Jahr würde er wieder unterwegs sein, den Lada durch die Republik steuern und Ausschau nach dem Schild „Gaststätte“ halten. Denn irgendwo da draußen wartete sicher eine neue Variante der Sibylle, die noch nicht fotografiert worden war. Und Frank Wohlfahrt würde bereit sein – mit der Praktica im Anschlag und Hunger auf ein gutes, selbstgebackenes Brot.

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