Die Tagung in der Pillnitzer Landstraße war so trocken verlaufen, wie Dietmar es statistisch erwartet hatte. Stundenlang waren Zahlenkolonnen über Planerfüllungen im Wohnungsbau und Soll-Ist-Vergleiche der kommunalen Energiewirtschaft an die Wand projiziert worden. Doch für Dietmar hatte der Tag eine unerwartete Wendung genommen: In der dritten Reihe, direkt neben dem Delegierten aus Neubrandenburg, saß Werner.
Werner Krause. Sein bester Studienfreund aus der Zeit an der Fachschule für Finanzwirtschaft. Zehn Jahre war es her, seit sie sich nach dem Abschluss im Bahnhof Friedrichstraße verabschiedet hatten – Werner zurück in den hohen Norden nach Schwerin, Dietmar in die sächsische Tiefebene.
„Dietmar, du alter Zahlenbieger!“, hatte Werner in der Pause gerufen und ihn beinahe umgestoßen. Werner war immer schon der Lautere von beiden gewesen, ein Mecklenburger mit dem Gemüt eines gutmütigen Bären.
Nun saßen sie, nachdem der offizielle Teil mit einem hölzernen Applaus geendet hatte, in einer kleinen, verrauchten Kellerkneipe unweit des Blauen Wonders. Das „Elbflorenz“ war voll, die Luft roch nach Bohnerwachs und schwerem Bier. Sie hatten bereits das dritte Radeberger vor sich stehen. Die Gespräche über Karrieren im Bezirksrat, über Kinder, die inzwischen Pioniere waren, und über die Tücken der staatlichen Zuteilung von Ersatzteilen hatten die zehn Jahre Distanz fast weggewischt.
Werner lehnte sich zurück und rieb sich den Bauch. „Mensch Dietmar, bei aller Liebe zur sächsischen Gastfreundschaft… das Bier ist Weltklasse, aber die ganze Theorie heute hat mir ein Loch in den Magen gefressen. Ich könnte jetzt was vertragen. Was Reelles, weißt du? Nicht so’n Häppchenkram vom Buffet.“
Dietmar rückte seine Brille zurecht. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen – das Lächeln eines Mannes, der eine perfekte Bilanz im Kopf hat. Er hob diskret die Hand. Der Ober, ein älterer Herr mit Schürze und einer Ruhe, die nur Jahrzehnte in der Gastronomie verleihen, kam an den Tisch.
Dietmar beugte sich vor und flüsterte dem Ober etwas ins Ohr. Der Ober nickte kurz, fast unmerklich, und verschwand wortlos in Richtung Küche.
„Was hast du denn jetzt gemacht?“, fragte Werner lachend. „Hast du Sonderzuteilungen für Hauptbuchhalter beantragt? Geheimmenü für Staatsfunktionäre?“
„Wart’s ab, Werner“, sagte Dietmar ruhig. „Ich kenne den Koch hier. Er weiß, was ein Mann braucht, der den ganzen Tag Bilanzen gestarrt hat.“
Zehn Minuten später bahnte sich der Ober wieder einen Weg durch die Menge. Er balancierte zwei rustikale Brettchen. Als er sie vor den beiden Männern abstellte, blieb Werner für einen Moment die Spucke weg.
Da lag es: Das kräftige, fast schwarze Sauerteigbrot, dessen Kruste im fahlen Kneipenlicht glänzte. Darauf das silbrige Makrelenfilet, der goldene Handkäse, das perfekt geköpfte Ei mit dem leuchtend scharfen Senf und die fächerförmig geschnittene Spreewaldgurke.
Zweimal „Stille Sibylle“.
Werner starrte auf das Brettchen, dann sah er Dietmar an. Ein dröhnendes Lachen brach aus ihm heraus, so laut, dass sich am Nachbartisch zwei Genossen vom VEB Transformatorenwerk erschrocken umdrehten.
„Das gibt’s doch nicht!“, rief Werner und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Zehn Jahre haben wir uns nicht gesehen, Dietmar! Zehn Jahre! Du bist jetzt ein hohes Tier in der Stadtverwaltung, fährst einen weißen Wartburg und trägst Krawatte… und du weißt immer noch, womit man einen Schweriner glücklich macht!“
Er nahm das Brot in beide Hände, spürte die Festigkeit der Kruste und atmete den rauchigen Duft der Makrele ein.
„Die Stille Sibylle…“, flüsterte Werner fast ehrfürchtig. „Weißt du noch, im Wohnheim? Wenn wir die Prüfungen bestanden hatten und kein Geld mehr für das Interhotel da war? Da haben wir uns das Zeug auf dem Spirituskocher zusammengebastelt.“
Dietmar nickte und biss bedächtig in sein Brot. „Das Brot hier ist fast so gut wie das vom Erwin in meinem Viertel, Werner. Ich dachte mir, bevor du morgen wieder in den Norden fährst, brauchst du ein ordentliches Fundament.“
Werner biss herzhaft zu. Der scharfe Senf stieg ihm in die Nase, der Fisch war butterweich und das Brot gab den nötigen Widerstand. „Dietmar“, sagte er mit vollem Mund, während er sich eine Träne des Lachens (oder war es der Senf?) aus dem Augenwinkel wischte, „du magst vielleicht ein langweiliger Buchhalter sein, der um neun ins Bett geht, aber in Sachen Gastronomie bist du eine verlässliche Größe. Zehn Jahre weg – und du kennst mein Lieblingsgericht besser als meine eigene Frau.“
Sie stießen mit den schweren Gläsern an. In diesem Moment, in der verrauchten Dresdner Kneipe, war die Welt für die beiden Studienfreunde perfekt geordnet. Keine Statistik, kein Fünfjahresplan und keine Tagungsordnung konnten gegen die schlichte, ehrliche Gewalt einer „Stillen Sibylle“ anstinken.
„Auf die nächsten zehn Jahre, Dietmar“, sagte Werner leiser. „Aber diesmal ohne Ausfallzeiten in der Bilanz“, antwortete Dietmar.
Draußen fiel der Regen auf die Elbe, aber drinnen roch es nach Heimat, Freundschaft und einer ordentlichen Portion Senf.


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