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Geschichte 9: Die Stille Sibylle auf der stürmischen Muldebrücke bei Grimma

Es ist ein kühler Dienstagmorgen im Jahr 1981. Über der Muldebrücke bei Grimma peitscht ein böiger Wind den herbstlichen Nieselregen gegen die Windschutzscheiben der wenigen Fahrzeuge, die über die A14 in Richtung Dresden rollen.

Mitten auf der Brücke steht ein weißer Wartburg 353, die Motorhaube wie ein Hilfeschrei weit aufgerissen. Daneben steht Dietmar Vogel. Er trägt seinen besten grauen Anzug, den er nur zu Verwaltungstagungen anzieht, und eine durchsichtige Plastikregenhaube über dem Hut. Dietmar starrt auf den Dreizylinder-Zweitaktmotor, als wäre es eine fehlerhafte Bilanz, die sich einfach nicht ausgleichen lässt.

„Es ist 09:14 Uhr“, murmelt Dietmar und blickt auf seine Ruhla-Armbanduhr. „Die Tagung beginnt um 10:30 Uhr in der Pillnitzer Landstraße. Die Ausfallwahrscheinlichkeit der Kraftstoffpumpe lag statistisch bei unter drei Prozent. Ein inakzeptabler Ausreißer.“

Er hat gerade versucht, mit einem weißen Stofftaschentuch ein Zündkabel abzuwischen, als er es hört: das aggressive, freche Teng-Teng-Teng einer MZ.

Der Retter im Leder-Dress

Ricardo Sommer kommt aus Leipzig. Er war dort bei einem Kumpel, um einen seltenen Bing-Vergaser abzuholen, und ist auf dem Rückweg in seine Dresdner Dachkammer. Als er den weißen Wartburg auf der Muldebrücke sieht, erkennt er sofort: Das ist kein technischer Totalschaden, das ist eine Vernachlässigung der mechanischen Seele.

Er drosselt das Gas, lässt die MZ direkt hinter dem Wartburg ausrollen und klappt den Helm hoch. Er sieht den Mann im Anzug, der völlig deplaziert im Regen steht.

„Na, Herr Kollege?“, ruft Ricardo grinsend. „Will die weiße Pracht nicht mehr nach Elbflorenz?“

Dietmar blickt auf. Er sieht den jungen Mann mit den ölverschmierten Lederhandschuhen und dem verwuschelten Haar. Normalerweise würde Dietmar so jemanden als „unzuverlässiges Element“ verbuchen, aber heute ist er seine letzte Hoffnung.

„Guten Tag. Hauptbuchhalter Vogel, Stadtverwaltung. Der Wagen verweigert die Gasannahme. Ich habe bereits die Zündkerzenstecker einer Sichtprüfung unterzogen – ohne Befund.“

Ricardo steigt ab und tritt an den Motorraum. Er schaut sich das Ganze zwei Sekunden lang an. „Sichtprüfung ist gut, Herr Buchhalter, aber der Zweitakter braucht Liebe, nicht nur Verwaltung. Gucken Sie mal hier: Der Benzinschlauch hat ’nen Knick am Filter und die Schelle ist locker. Der zieht Luft, kein Wunder, dass der verhungert.“

Facharbeit gegen Fachwissen

Mit ein paar geübten Griffen, einem Schraubendreher aus seiner Werkzeugrolle und einem Stück Draht, das er immer dabei hat, fixiert Ricardo die Leitung. „So, jetzt drehen Sie mal den Zündschlüssel, als wäre es eine neue Verordnung.“

Dietmar setzt sich hinter das Lenkrad, dreht den Schlüssel – und der Wartburg schnurrt sofort los, als wäre nie etwas gewesen. Die Erleichterung in Dietmars Gesicht ist so groß, dass er fast ein Lächeln riskiert.

„Hervorragend. Ich bin Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet, Herr…“ „Sommer. Ricardo Sommer. Schlosser und MZ-Flüsterer.“

Das Friedensangebot auf der Muldebrücke

Dietmar schaut auf die Uhr. Er ist wieder im Zeitplan. Aber sein Hauptbuchhalter-Gewissen verlangt nach einem angemessenen Ausgleich der Haben-Seite. Er kann dem Jungen kein Geld geben, das wäre unschicklich. Aber er hat vorgesorgt.

„Herr Sommer, ich kann Sie nicht einfach so im Regen stehen lassen. Ich habe… ich habe Proviant dabei. Da ich heute Abend nicht in meine Stammkneipe gehen kann, habe ich mir für die Reise etwas vorbereitet.“

Dietmar öffnet den Kofferraum. Dort steht eine saubere Plastikbox. Er entnimmt zwei Pakete, die so akkurat in Pergamentpapier gewickelt sind, dass man sie für Akten halten könnte.

„Das hier“, sagt Dietmar feierlich, „ist eine ‚Stille Sibylle‘. Mit selbstgebackenem Brot aus der Eckschänke im alten Viertel.“

Ricardo stutzt. Er starrt auf das Paket. „Moment mal… das Brot vom Erwin? Aus der Striesener Ecke? Da geh ich jeden Freitag hin! Das ist mein Clubhaus-Brot!“

Zwei Welten, eine Makrele

Dort, auf dem Standstreifen der A14, während unter ihnen die Mulde grau und mächtig vorbeirauscht, packen sie die Pakete aus. Ricardo auf dem Sitz seiner MZ, Dietmar auf der Stoßstange seines Wartburgs.

Als Ricardo das Makrelenfilet auf dem Handkäse sieht, das Ei mit dem Senf und vor allem diese unverwechselbare, dunkle Kruste des Brotes, weiten sich seine Augen. „Mensch, Herr Buchhalter… ich dachte immer, Leute in Ihrem Alter und in Ihrem Anzug essen nur Kaviar aus dem Intershop.“

Dietmar beißt bedächtig in seine eigene Sibylle. „Statistisch gesehen, Herr Sommer, ist dieses Brot die einzige Konstante in einer sich ständig wandelnden Welt. Der Erwin backt es heute noch genau wie vor zwanzig Jahren. Das gibt Sicherheit.“

Ricardo lacht und beißt herzhaft zu. „Sicherheit? Das ist Power! Das gibt Kraft für die nächsten 50 Kilometer!“

Für zehn Minuten schweigen sie. Ein Hauptbuchhalter und ein Rocker-Schrauber, verbunden durch den scharfen Senf und den rauchigen Fisch. Die Hierarchien der DDR-Gesellschaft sind für diesen Moment so weit weg wie die Bundesrepublik. Es zählt nur der Geschmack der Heimat und die Solidarität der Straße.

„So“, sagt Ricardo schließlich und wischt sich den Senf vom Mundwinkel. „Sie müssen zur Tagung, Herr Vogel. Treten Sie ihn nicht zu hart, den weißen Riesen. Und wenn er wieder zickt – Sie wissen ja jetzt, wo die Schelle sitzt.“

Dietmar nickt förmlich, aber seine Augen wirken weicher. „Vielen Dank, Ricardo. Vielleicht sieht man sich mal beim Erwin. Ich bin der am Eckplatz.“

„Ich bin der, der den meisten Lärm macht“, grinst Ricardo, kickt die MZ an und verschwindet in einer blauen Wolke in Richtung Dresden.

Dietmar Vogel steigt in seinen Wartburg, rückt seine Krawatte gerade und fährt los. Er wird pünktlich sein. Die Bilanz des Vormittags ist absolut ausgeglichen. Und das Brot, so notiert er es sich gedanklich, war heute durch die frische Muldeluft sogar noch eine Nuance kräftiger als sonst.

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