Es ist Samstagmorgen, 05:15 Uhr. Über den Dächern von Dresden-Striesen liegt ein grauer Schleier aus Nebel und dem fernen Grollen der ersten Straßenbahn. Ricardo Sommer schreckt hoch, als unter seinem Dachfenster ein durchdringendes, rhythmisches Hupen ertönt. Möööööp – Möp-Möp!
Das ist Lutz. Lutz fährt ein „Eisenschwein“ – eine MZ ES 250/2 mit einem wuchtigen Super-Elastic-Seitenwagen. Heute ist der große Tag: Teilemarkt in Karl-Marx-Stadt. Wer in der DDR seltene Ersatzteile wie regenerierte Kurbelwellen oder originale Bowdenzüge suchte, musste früh aufstehen und bereit sein, im Schlamm der provisorischen Parkplätze zu wühlen.
Ricardo wirft sich in seine dicke Wattierung, zieht die Lederjacke drüber und schnappt sich das wichtigste Utensil des Tages: eine alte Blechdose, die er mit Paketklebeband gesichert hat.
„Mensch Rico, mach hinne! Die Leipziger sind schon seit zwei Stunden unterwegs!“, brüllt Lutz durch seinen Helm, während die MZ im Leerlauf das ganze Viertel einnebelt. Ricardo schwingt sich in das „Boot“, den Seitenwagen. Es ist eng, es riecht nach altem Kunstleder und Benzin, aber es ist der beste Platz der Welt.
Die Sibylle auf großer Fahrt
„Hast du was zu beißen bei?“, fragt Lutz, während sie auf die Autobahn Richtung Westen knattern. „Logisch“, grinst Ricardo gegen den Fahrtwind an. „Ich hab gestern im Clubhaus noch zwei Portionen ‚Stille Sibylle‘ klargemacht. Der Erwin hat sie mir als ‚Bausatz‘ eingepackt. Er meinte, wenn ich sie fertig belege, suppt das Brot durch, bevor wir hinter Wilsdruff sind.“
Die Fahrt ist eine Tortur für die Wirbelsäule, aber ein Fest für die Sinne. Mit 80 km/h schraubt sich das Gespann die Kesselsdorfer Straße hoch. Im Seitenwagen hat Ricardo die Blechdose fest zwischen den Knien. Er hat das System perfektioniert: Die dicken Scheiben des selbstgebackenen Sauerteigbrotes sind einzeln in Pergament gewickelt. Das Makrelenfilet liegt in einer separaten Schicht aus Alufolie (echte West-Ware, die er mal gegen eine Zündkerze getauscht hat). Der Handkäse, das gekochte Ei und die Gurken sind in einer Tupperdose – ein Geschenk seiner Tante aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“.
Das Buffet auf dem Kotflügel
Gegen 08:30 Uhr erreichen sie das Gelände in Karl-Marx-Stadt. Tausende Männer in dunklen Kitteln und Lederjacken schieben sich an Tapeziertischen vorbei, auf denen verrostete Tanks und ölverschmierte Vergaser liegen wie heilige Reliquien.
Nach drei Stunden intensivem Feilschen hat Ricardo eine originale Telegabel und Lutz einen Satz neue Kolbenringe ergattert. Der Hunger meldet sich mit der Gewalt eines Kolbenfressers.
„Komm“, sagt Ricardo, „wir machen Mittag am Beiwagen.“
Sie nutzen den breiten, flachen Kotflügel des Seitenwagens als Tresen. Ricardo beginnt mit der Zeremonie. Die Umstehenden, die gerade an fahlgrauen Bockwürsten von der HO-Bude kauen, schauen neugierig rüber.
Er legt das dunkle, kräftige Brot aus der Dresdner Eckschänke auf das Blech. Die Kruste ist so stabil, dass sie den Vibrationen der Fahrt locker standgehalten hat. Dann kommt der Moment der Wahrheit: Er pellt die Eier, schneidet sie mit einem Taschenmesser in Scheiben und drapiert sie auf dem Brot. Ein ordentlicher Klecks Bautz’ner Senf aus der Tube oben drauf. Dann die Makrele – der rauchige Duft mischt sich mit dem Geruch von Getriebeöl, der über dem Markt hängt. Zum Schluss der Handkäse und die Gurkenscheiben.
„Hier, Lutz. Die ‚Stille Sibylle‘ – Spezialausführung Karl-Marx-Stadt.“
Der Neid der Ersatzteil-Jäger
Lutz beißt hinein, dass es nur so kracht. Der scharfe Senf und die Säure der Gurke bringen seinen Kreislauf sofort wieder auf Betriebstemperatur.
„Rico“, murmelt Lutz mit vollem Mund, „das Brot ist der Wahnsinn. Da kann die ganze HO-Verpflegung einpacken. Das ist wie… wie ein perfekt eingestellter Vergaser. Alles harmoniert.“
Ein älterer Mann, der gerade einen rostigen Star-Rahmen vorbeischleppt, bleibt stehen und schnuppert. „Sagt mal, Jungs… ist das Makrele? Und ist das etwa das Brot vom Erwin aus Dresden?“
Ricardo lacht. „Kenner am Werk! Ja, das ist die Sibylle. Willste ’n Stück Gurke?“
Der Mann winkt dankend ab, zieht aber mit einem sehnsüchtigen Blick weiter. In diesem Moment, auf einem zugigen Parkplatz in der Stadt des Roten Thälmann-Denkmals, ist die „Stille Sibylle“ mehr als nur ein Kneipengericht. Sie ist ein Stück Heimat, ein Beweis für Qualität in einer Welt der Mangelwirtschaft und das beste Schmiermittel für die Freundschaft zweier Schrauber.
Auf der Rückfahrt schläft Ricardo im Seitenwagen fast ein, den Kopf an die Bordwand gelehnt, während die MZ unter ihm singt. Er riecht nach Rauchfisch, Senf und Zweitaktöl. Die Telegabel liegt sicher zu seinen Füßen.
Die Bilanz ist auch hier, ganz ohne Hauptbuchhalter-Mentalität, absolut im Plus: Teile gefunden. Hunger besiegt. Sibylle erfolgreich exportiert.
Dresden hat ihn bald wieder, und nächsten Freitag wartet schon die nächste Portion im Clubhaus.


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