Zum Inhalt springen

Geschichte 7: Der Motorrad Schrauber Ricardo Sommer und die Liebe zur Stillen Sibylle

Dresden, im Herbst 1980. Das Elbtal liegt unter einer Glocke aus Braunkohlendunst und dem süßlich-beißenden Geruch von Zweitaktgemisch. Während im fernen Berlin die Staatsführung den nächsten Fünfjahresplan beschwört, zählt für Ricardo Sommer nur das nächste Wochenende und die Frage, ob die Ersatzteile für die Zündung rechtzeitig „über den Tresen“ gehen.

Ricardo ist das krasse Gegenteil von Dietmar Vogel. Er ist jung, seine Hände sind selten ganz frei von Schmierölresten unter den Fingernägeln, und sein Revier ist nicht die Stadtverwaltung, sondern eine staubige Garage in einem Hinterhof in Dresden-Striesen. Ricardo ist Handwerker durch und durch, ein Meister des Improvisierens. Oben, in seiner ersten eigenen Wohnung – einer ausgebauten Dachkammer, in der es im Sommer glüht und im Winter zieht – hängen keine Modelleisenbahnen an der Wand, sondern Poster von Grand-Prix-Maschinen und ein zerfledderter Ersatzteilkatalog für die MZ TS 250.

In der Garage steht sein ganzer Stolz: Eine „Emme“, Baujahr ’77, die er sich aus drei Unfallmaschinen zusammengebaut hat. Der Lack ist tiefschwarz, der Chrom blitzt, wenn die Sonne durch das milchige Glas des Garagenfensters fällt.

Ricardo ist der Anlaufpunkt für das halbe Viertel. „Du, Ricardo, meine Simson zieht Nebenluft“, oder „Mensch, Rico, die Kupplung rutscht beim Schalten.“ Ricardo sagt selten nein. Er liebt das Gefühl, wenn ein Motor nach stundenlangem Fluchen plötzlich wieder diesen kernigen, knatternden Rhythmus aufnimmt. Er nimmt kein Geld von seinen Kumpels – in Dresden 1980 bezahlt man mit Gefälligkeiten oder eben mit einer „Stillen Sibylle“.

Freitagabend, kurz vor sechs. Ricardo wischt sich die Hände an einem alten Lappen ab, wirft die Lederjacke über und schließt das schwere Vorhängeschloss der Garage. Der Freitagabend ist heilig. Um 18 Uhr trifft sich die Runde im „Clubhaus der Eisenbahner“. Es ist kein schicker Schuppen, eher eine rustikale Tränke mit dunkler Holzvertäfelung, in der die Zeit irgendwo zwischen dem Sieg über den Faschismus und der Einführung der D-Mark stehen geblieben ist.

Als Ricardo den Schankraum betritt, ist der Tisch in der Ecke schon besetzt. Fünf, sechs Männer, allesamt Handwerker, Schlosser oder Kraftfahrer. Der Lärmpegel ist hoch, das Gelächter laut.

„Da isser ja, der Doktor der Zweitakter!“, ruft Lutz, ein bulliger Schweißer, dem Ricardo am Mittwochabend bis Mitternacht geholfen hat, den Vergaser seiner ETZ zu reinigen. „Hinsetzen, Rico! Erwin! Eine Sibylle für den Meister! Und ’ne Runde Radeberger!“

Die „Stille Sibylle“ kommt hier nicht auf feinem Porzellan daher, sondern auf einem rustikalen Brettchen. Aber genau wie Dietmar Vogel schätzt auch Ricardo die Qualität des Fundaments. Das Brot im Clubhaus ist eine Legende – es ist das schwere, ehrliche Kommissbrot der Bäckerei um die Ecke, die noch mit echtem Natursauerteig arbeitet. Die Kruste ist so dick, dass man sie fast aufhebeln muss, aber der Kern ist saftig und hält das Makrelenfilet, als wäre es dafür gemacht.

Ricardo liebt dieses Gericht. Es ist die perfekte Belohnung für eine Woche voller Metallstaub und Getriebeöl. Er nimmt das Makrelenfilet, das hier besonders kräftig geräuchert ist, schichtet den Handkäse daneben und zerdrückt das Ei mit dem scharfen Senf zu einer cremigen Masse, die er großzügig auf das Brot streicht. Die saure Gurke sorgt für den nötigen Kontrast.

„Gute Arbeit am Mittwoch, Rico. Sie läuft wie eine Biene“, sagt Lutz und klopft ihm so fest auf die Schulter, dass fast der Senf vom Brot rutscht. Ricardo grinst. Er genießt das Essen, das Bier und vor allem das Gefühl, gebraucht zu werden. Hier im Clubhaus ist er nicht der „junge Dachgeschossbewohner“, sondern der Experte.

Es wird gefachsimpelt über Kolbenfresser, die schlechte Materialqualität der neuen Reifen und die Gerüchte, dass es im Intershop bald neue Helme geben soll. Die Stimmung ist ausgelassen. Im Gegensatz zu Dietmar, der schweigend genießt, ist Ricardo mitten im Geschehen. Er erzählt Witze, er lacht über die absurden Geschichten aus dem Kombinat und er ist der Letzte, der geht, wenn Erwin um kurz vor elf das Licht flackern lässt – das Zeichen für die letzte Runde.

Um 23 Uhr tritt Ricardo hinaus auf die Straße. Die Luft in Dresden ist kühl, der Nebel steigt von der Elbe hoch. Er geht zu Fuß nach Hause, die Taschen der Lederjacke tief vergraben. Er spürt die angenehme Sättigung der „Stillen Sibylle“ und das wohlige Brennen des scharfen Senfs im Hals.

Er steigt die Treppen zu seiner Dachkammer hoch. Das Fenster steht einen Spalt offen, es riecht nach Freiheit und ein bisschen nach dem Abgas der vorbeifahrenden Nachtbusse. Er legt sich ins Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er muss morgen nicht um 4:30 Uhr aufstehen wie Dietmar Vogel. Er wird ausschlafen, dann in die Garage gehen und an seinem eigenen Motor weiterschrauben.

Ricardo Sommer ist 24 Jahre alt, er lebt in einer Mangelwirtschaft, aber an diesem Freitagabend fühlt er sich wie der König von Dresden. Die Bilanz seines Lebens wird nicht in Buchhaltungstabellen geschrieben, sondern in der Anzahl der Motoren, die er zum Laufen gebracht hat, und in den „Stillen Sibyllen“, die ihm seine Kumpels aus Dankbarkeit spendieren.

Er schläft ein, während in seinem Kopf das vertraute Teng-Teng-Teng eines perfekt eingestellten Zweitakters nachklingt.

Kommentare sind geschlossen, aber Trackbacks und Pingbacks sind möglich.