Es ist Samstagmorgen, 04:30 Uhr. In der Komfort-Neubauwohnung am Stadtrand von Magdeburg regt sich das Leben mit der Präzision eines Metronoms. Während die restliche Republik noch in den Kissen der Intertext-Bettwäsche schlummert, hat Dietmar Vogel bereits die Kaffeemaschine – eine robuste „Kaffeefee“ – in Gang gesetzt.
Der Samstag ist Angeltag. Und für einen Hauptbuchhalter bedeutet Angeln nicht „Hobby“, es bedeutet „statistische Bestandserfassung der regionalen Fauna unter Berücksichtigung klimatischer Variablen“.
Draußen herrscht dichter Novembernebel. Der weiße Wartburg 353 steht wie ein geisterhaftes Monument der Zuverlässigkeit auf dem Parkplatz. Dietmar belädt ihn mit einer Effizienz, die jeden Brigadier im Schwermaschinenbau vor Neid erblassen ließe. Die Ruten stecken in gefütterten Futteralen, der Klappstuhl hat seinen festen Platz hinter dem Fahrersitz, und auf dem Beifahrersitz thront das Wichtigste: die graue Emaille-Thermoflasche und das in Pergamentpapier gewickelte Paket.
Dietmar steuert den Wartburg durch das graue Zwielicht. Die Straßen sind leer, nur vereinzelt rumpelt ein Schichtbus des VEB Messgerätewerk vorbei. Sein Ziel ist der „Alte Arm“, ein schilfumsäumtes Gewässer, an dem der Angelverein „Frühauf“ seine Pacht hat.
Um Punkt 06:00 Uhr sitzt Dietmar am Ufer. Er hat die Tiefe ausgelotet, die Montage geprüft und das Futter exakt im Radius von 50 Zentimetern um den Schwimmer verteilt. Jetzt beginnt das, was seine Frau Helga als „stundenlanges Garnichts“ bezeichnet, für Dietmar aber die höchste Form der inneren Revision darstellt. Er beobachtet das Wasser. Er berechnet die Wahrscheinlichkeit eines Karpfenbisses bei einer Wassertemperatur von 6 Grad Celsius und einem Luftdruck von 1015 Hektopascal. Sie liegt bei 14,2 Prozent.
Gegen 10:00 Uhr, als die Kälte langsam durch die wattierte Wattejacke kriecht, schlägt die Stunde der „Stillen Sibylle – Edition Unterwegs“.
Dietmar hat am Dienstagabend in der „Eckschänke“ nicht nur gegessen, sondern beim dicken Erwin vorausschauend ein „Brotpaket zur Eigenmontage“ erworben. Er entfaltet das Pergamentpapier auf seinen Knien. Es ist eine logistische Meisterleistung der Klappstulle:
Zwei dicke Scheiben des legendären, selbstgebackenen Sauerteigbrotes bilden das Fundament. Erwin hat ihm das Makrelenfilet extra fest eingewickelt, damit das Öl nicht das Papier durchweicht. Dietmar schichtet nun mit der Akribie eines Uhrmachers: Zuerst das kräftige Brot, darauf der Handkäse, der durch die Kälte der Nacht eine fast kristalline Festigkeit angenommen hat. Dann zerdrückt er das hartgekochte Ei direkt auf der Stulle, streicht den extrascharfen Bautz’ner Senf darüber und krönt das Ganze mit dem Makrelenfilet. Die saure Gurke hat er bereits zu Hause in exakte 3-Millimeter-Scheiben geschnitten.
Er klappt die zweite Brotscheibe darauf. Die „Stille Sibylle“ ist jetzt kompakt, mobil und bereit für den Einsatz im Gelände.
Als er hineinbeißt, knackt die harte Kruste des Erwins-Brotes so laut, dass ein paar Blesshühner im Schilf erschrocken auffliegen. Der Geschmack von Rauch, Essig, Fisch und diesem unvergleichlichen Sauerteig ist für Dietmar die einzige Form von Abenteuer, die er zulässt. Während er kaut, starrt er auf den Schwimmer. Er ist allein. Kein Buchungssatz, kein Untergebener, kein Angelkollege, der ihn mit schlechten Witzen über die SED-Bezirksleitung nervt. Nur er, das Brot und die statistische Wahrscheinlichkeit.
Ein Vereinskollege, der „lustige“ Horst vom VEB Fleischkombinat, schleicht in einiger Entfernung am Ufer entlang. „Na, Dietmar! Beißt was? Oder zählst du wieder die Wellen?“, ruft er herüber und lacht schallend über seinen eigenen, tausendmal gehörten Scherz.
Dietmar hebt nicht einmal den Kopf. Er schluckt den letzten Bissen der Sibylle hinunter, wischt sich mit einem Stofftaschentuch den Senf vom Mundwinkel und sagt trocken: „Die Beißfrequenz korreliert derzeit nicht mit dem Sauerstoffgehalt, Horst.“
Horst schüttelt den Kopf und zieht weiter. „Mensch, Vogel, du bist echt ’ne Stimmungskanone“, murmelt er.
Dietmar lächelt innerlich. Er weiß, dass er für die anderen der Inbegriff der Langeweile ist. Aber er weiß auch etwas, was Horst nie verstehen wird: Wer die „Stille Sibylle“ auf selbstgebackenem Brot an einem nebligen Novembermorgen am Alten Arm verzehrt, der braucht keine Partys. Der hat Ordnung im Inneren.
Um 15:00 Uhr packt er zusammen. Er hat zwei Plötzen gefangen – exakt der Durchschnitt für diese Jahreszeit. Die Bilanz stimmt.
Zuhause wird er den weißen Wartburg mit dem Lederlappen abreiben, die Fische säubern und danach im Keller an seiner Modelleisenbahn eine neue Weiche einbauen. Und während er um 21:00 Uhr das Licht löscht, wird er bereits den nächsten Dienstag im Kopf vorbuchen. Dann gibt es die Sibylle wieder im Original, auf Porzellan, beim dicken Erwin.
Dietmar Vogel schließt die Augen. Er ist ein glücklicher Mann, auch wenn er vergessen hat, es seinem Gesicht mitzuteilen.


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