Im Spreewald des Jahres 1980 lag ein ganz besonderer Duft in der Luft – der Geruch von feuchtem Herbstlaub, der leise Rauch aus den Schornsteinen der Bauernhöfe und, in diesen Tagen, ein Hauch von frischem Holz und Zement. Familie Glücksberg war im Begriff, sich ihren großen Traum zu erfüllen: ein eigenes Haus. Und dieser Oktobertag sollte ein Meilenstein werden, denn der Rohbau stand an. Alle Freunde, Verwandten und Nachbarn waren mobilisiert, die Ärmel hochgekrempelt und die Stimmung gespannt. Das große gemeinsame Werk konnte beginnen!
Doch wie es das Schicksal manchmal will, hingen Wolken über dem Glück der Glücksbergs – und die hatten nichts mit dem Herbstwetter zu tun. Schon am frühen Morgen versammelte sich die tatkräftige Truppe auf der Baustelle. Die Schubkarren standen bereit, die Schaufeln blänkten in der noch milden Oktobersonne, die Männer rieben sich die Hände. Nur eines fehlte: das Baumaterial. Der LKW, der die Steine, den Zement und all das Nötige anliefern sollte, war nicht in Sicht.
Stunden vergingen. Aus anfänglicher Ungeduld wurde Langeweile, dann leises Gemurmel, schließlich betretenes Schweigen. Die Männer saßen auf umgedrehten Eimern, die Frauen tuschelten, und selbst die Kinder, die sich eigentlich auf einen Tag voller Abenteuer mit Sand und Gerüsten gefreut hatten, verloren die Lust. Vater Glücksberg, ein Mann der Tat und sonst stets voller Optimismus, wurde es langsam unangenehm. Er spürte die enttäuschte Stimmung seiner Helfer, die umsonst ihre Zeit geopfert hatten.
„Wir müssen etwas machen, Martha“, raunte er seiner Frau zu, die neben ihm auf einem Holzstapel saß und ebenso besorgt dreinblickte. Der Tag schien verloren, die Stimmung im Keller. Doch Martha Glücksberg war eine Frau, die nicht so schnell aufgab. Eine Frau, die wusste, dass das Leben – und besonders das Bauen in der DDR – oft Improvisation und einen kühlen Kopf erforderte.
Es war bereits später Nachmittag. Der Hunger nagte. „Ich fahr mal los“, sagte Martha entschlossen, schwang sich auf ihr klappriges Fahrrad und radelte in Windeseile zurück zur Wohnung. Opa Werner, der sich ebenfalls gelangweilt hatte, sah ihr fragend nach. Was hatte sie bloß vor?
Martha verschwand in ihrer Küche, und eine knappe Stunde später radelte sie mit einem gut gefüllten Korb und einem strahlenden Lächeln zurück zur Baustelle. Sie breitete ein kariertes Tuch auf einem provisorischen Tisch aus und begann, Schüsseln und Teller hervorzuzaubern.
„So, meine Lieben!“, rief sie in die Runde, „Bevor uns der Frust packt, stärken wir uns erst einmal!“
Und was sie da auftischte, war kein kompliziertes Mahl, sondern ein wahrer Retter in der Not: Stille Sibylle. Das beliebte kalte Kneipenessen, unkompliziert und herzhaft. Es gab dicke Scheiben frisches Brot, dazu glänzende Makrelenfilets aus der Konserve, die mit ihrem würzigen Aroma sofort den Appetit anregten. Daneben lagen aufgeschnittene gekochte Eier, kunstvoll mit einem Klecks scharfen Senfs versehen, und natürlich der unverkennbare Handkäse, der mit seinem pikanten Geschmack eine willkommene Abwechslung bot. Und um dem Ganzen noch eine frische Note zu verleihen, durften die knackigen eingelegten Gurken aus dem Spreewald nicht fehlen.
Als Martha Glücksberg die Teller verteilte, kehrte eine fast andächtige Stille ein. Das Murren verstummte, die Gesichter hellten sich auf. Die einfache, aber so wohltuende Mahlzeit wirkte Wunder. Man hörte nur noch das Schmatzen und zufriedene Seufzer. Die „Stille Sibylle“ tat ihrem Namen alle Ehre.
Gerade als die letzten Bissen genüsslich verzehrt wurden und die Stimmung sich sichtlich gehoben hatte, ertönte aus der Ferne ein vertrautes Geräusch: ein mehrfaches Hupen. Immer lauter wurde es, bis schließlich ein schwerer LKW um die Ecke bog und langsam auf die Baustelle rollte. Der Atem stockte. Es war der LKW mit dem Baumaterial!
Ein kollektives Aufatmen, gefolgt von Jubelrufen, brach aus. Der Tag war gerettet! Die Männer sprangen auf, die Müdigkeit vergessen. Sofort wurden die ersten Paletten abgeladen, die Schubkarren rollten, und die Baustelle erwachte doch noch zum Leben. Es war ein Rennen gegen die untergehende Herbstsonne, aber alle packten mit an, gestärkt und motiviert durch die unerwartete Mahlzeit.
Vater Glücksberg sah seine Martha an, ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er wusste, ohne ihre Geistesgegenwart und die rettende „Stille Sibylle“ wäre dieser Tag wohl im Frust geendet. Manchmal sind es eben nicht die großen Pläne, die das Glück bringen, sondern die kleinen, unerwarteten Gesten und ein gutes, einfaches Essen, das die Stimmung rettet und den Glauben an das gemeinsame Projekt wiederherstellt. Die „Stille Sibylle“ hatte nicht nur den Hunger gestillt, sondern auch das Bauglück der Familie Glücksberg gesichert. ENDE


Kommentare sind geschlossen, aber Trackbacks und Pingbacks sind möglich.